Mehrwertsteuer runter: doch Wirte profitieren kaum
Schnitzelsubvention: Warum die Mehrwertsteuersenkung der Gastronomie kaum hilft
Mit sieben statt 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Speisen im Gastraum wollte die Bundesregierung die Gastronomie entlasten. Doch das milliardenschwere Steuergeschenk kommt bei vielen Gästen nicht an und hilft ausgerechnet jenen Betrieben am meisten, die am wenigsten kämpfen.
Eine gut gemeinte Entlastung mit begrenzter Wirkung
Seit dem Jahreswechsel gilt in Kneipen und Restaurants wieder der ermäßigte Mehrwertsteuersatz. Rund drei Milliarden Euro pro Jahr verzichtet der Staat damit auf Einnahmen. Ziel war es, Essengehen günstiger zu machen und Gasthäuser nach Jahren der Krise zu stabilisieren.
Doch schon die ersten Tage zeigen: Die meisten Preise bleiben unverändert. Schnitzel, Frikadellen oder Pasta kosten vielerorts genauso viel wie zuvor. Einzelne Aktionen etwa günstigere Menüs bei McDonald’s ändern daran wenig. Unterm Strich sinkt die Rechnung für Gäste kaum.
Für viele Wirte ist das kein böser Wille, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Energie, Lebensmittel, Mieten und Personal sind deutlich teurer geworden. Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Preise in der Gastronomie in den vergangenen fünf Jahren um rund 34 Prozent. Die Steuersenkung fängt diese Kosten nur teilweise auf.
Gewinner sind die Großen
Besonders deutlich wirkt die Maßnahme dort, wo es ohnehin läuft: bei Systemgastronomen, in Food Courts, an Bahnhöfen oder Raststätten. Hoher Durchlauf, kurze Verweildauer, standardisierte Abläufe hier lässt sich die Steuersenkung unmittelbar in höhere Margen übersetzen.
Ganz anders die Lage in vielen Gasthäusern, vor allem im ländlichen Raum. Dort bleiben Gäste länger sitzen, der Umsatz pro Stunde ist geringer. Gleichzeitig steigt der Mindestlohn auf 13,90 Euro. Die Mehrwertsteuersenkung gleicht das nicht aus. Sie verschiebt die Probleme sie löst sie nicht.
Politischer Wille, handwerkliche Schwächen
Die Rückkehr zum ermäßigten Steuersatz war politisch gewollt. Besonders der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hatte die Maßnahme als Beitrag zur „Zukunft unserer Wirtshäuser“ beworben. Doch genau diese Zukunft bleibt vielerorts unsicher.
Ökonomen kritisieren seit Langem, dass pauschale Steuersenkungen selten zielgenau wirken. Wer viel Umsatz macht, profitiert stärker. Wer kämpft, bekommt relativ wenig. Eine differenzierte Förderung etwa nach Betriebsgröße oder Standort fehlt.
Bürokratie als Belastungsfaktor
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Bürokratie. Reinigungsprotokolle, Dokumentationspflichten, Kühlkettennachweise, neue Anforderungen an elektronische Zahlungssysteme vieles dient legitimen Zielen wie Hygiene und Steuergerechtigkeit. In der Praxis aber empfinden viele Wirte die Dichte der Kontrollen als Ausdruck von Misstrauen.
Die Bundesregierung hat angekündigt, Kontrollen stärker auf auffällige Betriebe zu konzentrieren. Doch umgesetzt ist das bislang nur teilweise. Für viele Gastronomen bleibt der Verwaltungsaufwand hoch Zeit, die im Tagesgeschäft fehlt.
Analyse: Warum das Thema jetzt entscheidend ist
Die Gastronomie steht exemplarisch für ein größeres Problem der Wirtschafts- und Finanzpolitik: Die Diagnose stimmt, die Therapie nicht. Sinkende Kaufkraft, unsichere Jobs, zurückhaltende Konsumenten all das lässt sich nicht durch eine einzelne Steuersenkung beheben.
Realistisch ist: Ohne wirtschaftliches Wachstum werden auch Restaurants kaum mehr Gäste sehen. Wer wachsen will, muss zudem neue Wege gehen etwa über Social Media, digitale Sichtbarkeit und gleichbleibende Qualität. Gleichzeitig braucht es politische Rahmenbedingungen, die unternehmerische Initiative belohnen statt verwalten.
Fazit:
Die Mehrwertsteuersenkung in der Gastronomie ist gut gemeint, aber schlecht gemacht. Sie entlastet vor allem große Anbieter und lässt kleine Wirtshäuser weitgehend allein. Eine nachhaltige Lösung erfordert weniger Symbolpolitik und mehr strukturelle Reformen für Wirte, Gäste und Steuerzahler gleichermaßen.
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FAQ
Warum wurde die Mehrwertsteuer in der Gastronomie gesenkt?
Um Restaurants finanziell zu entlasten und Essengehen für Gäste günstiger zu machen.
Profitieren Gäste von niedrigeren Preisen?
In den meisten Fällen kaum, da viele Betriebe die Senkung nicht weitergeben.
Welche Betriebe profitieren besonders?
Vor allem große Ketten und Systemgastronomen mit hohem Umsatz.
Hilft die Maßnahme kleinen Gasthäusern?
Nur begrenzt, da steigende Kosten und geringe Umsätze die Wirkung schmälern.
Was bräuchte die Gastronomie stattdessen?
Weniger Bürokratie, gezieltere Förderung und bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Quellenliste:
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Bundesministerium der Finanzen (BMF): Regelungen zur Mehrwertsteuer in der Gastronomie, Gesetzeslage ab 2024/2025
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Deutscher Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA): Branchenzahlen zu Umsatz-, Kosten- und Gewinnentwicklung der Gastronomie
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Statistisches Bundesamt (Destatis): Preisentwicklung in der Gastronomie, Verbraucherpreisindex, Sonderauswertungen 2019–2024
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Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Analysen zu Wirkung von Mehrwertsteuersenkungen und Branchenentlastungen
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ifo Institut: Einschätzungen zur wirtschaftlichen Lage der Gastronomie und Konsumzurückhaltung privater Haushalte
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Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): Mindestlohnentwicklung und Auswirkungen auf personalintensive Branchen
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Europäische Zentralbank (EZB): Inflation, Kaufkraftentwicklung und Konsumklima im Euroraum
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Stellungnahmen und öffentliche Äußerungen von Markus Söder (CSU) zur Gastronomiepolitik
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Geschäftsberichte und Preisinformationen großer Systemgastronomen (u. a. McDonald’s Deutschland)
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Eigene Recherchen und Brancheninterviews (Gastronomen, Verbände, Marktbeobachtung)