Blackout Berlin: Streit um die ersten Krisenstunden
Stromausfall in Berlin: Spranger widerspricht Wegner, Innenausschuss legt Kommunikationsbruch offen
Der Brand an einer Kabeltrasse in Berlin-Lichterfelde und der folgende großflächige Stromausfall haben nicht nur zehntausende Haushalte getroffen, sondern auch das politische Krisenmanagement des Senats erschüttert. Im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses widersprechen sich zentrale Akteure bei der Frage, wie handlungsfähig Berlins Führung in den ersten Stunden tatsächlich war.
Krisenbeginn am frühen Morgen
Innensenatorin Iris Spranger schildert im Innenausschuss detailliert den Ablauf der ersten Stunden. Demnach sei sie am Samstagmorgen gegen 7.15 Uhr darüber informiert worden, dass es bereits um 6.12 Uhr zu einem Brand an einer Kabeltrasse in Berlin-Lichterfelde gekommen sei. Zu diesem Zeitpunkt sei das Ausmaß der Lage noch unklar gewesen weder Dauer noch genaue Ursache oder Zahl der Betroffenen hätten festgestanden.
Fest stand laut Spranger jedoch früh, dass Berliner Feuerwehr und Polizei im Einsatz waren. Um 7.45 Uhr habe sie eine erste koordinierende Telefonkonferenz einberufen unter anderem mit ihrem Staatssekretär für Inneres, Christian Hochgrebe, sowie der zuständigen Abteilungsleitung. Dabei seien erste Strukturen zur Krisenbewältigung festgelegt worden.
Vergeblicher Anruf beim Regierenden Bürgermeister
Politisch brisant wird Sprangers Darstellung beim Versuch, den Regierenden Bürgermeister zu erreichen. Nach ihren Angaben habe sie Kai Wegner um 8.05 Uhr telefonisch informieren wollen, diesen jedoch nicht erreicht. Das Mobiltelefon sei „noch ausgeschaltet“ gewesen samstags, so Spranger, sei das nicht unüblich. Deshalb habe sie Wegner um 8.07 Uhr schriftlich informiert.
Diese Darstellung weist die Senatskanzlei entschieden zurück. Senatssprecherin Christine Richter erklärte gegenüber Medien, das Handy des Regierenden Bürgermeisters sei zu keinem Zeitpunkt ausgeschaltet gewesen. Wenn Wegner nicht unmittelbar ans Telefon gehe, schalte sich die Mailbox ein.
Damit stehen sich zwei Versionen unversöhnlich gegenüber beide mit erheblicher politischer Tragweite.
„Windhundrennen hilft Berlin nicht“
Spranger selbst versuchte im Ausschuss, die Debatte rhetorisch einzudämmen. Es gehe nicht um ein „Windhundrennen“, wer schneller gewesen sei. Wahlkampfgetöse habe in dieser Lage keinen Platz. Entscheidend sei allein, dass Berlin handlungsfähig bleibe.
Ganz ohne Seitenhieb blieb die Innensenatorin dennoch nicht. Vor allem mit Blick auf die Rolle einzelner Bezirke machte sie deutlich, dass es in der Anfangsphase der Krise nicht überall reibungslos funktioniert habe. Details nannte sie nicht die Botschaft war dennoch klar: Die Schwachstellen lagen nicht nur in der politischen Spitze.
Zwei Perspektiven ein strukturelles Problem
Sicht der Innenverwaltung
Aus Perspektive der Sicherheitsbehörden steht die operative Krisenbewältigung im Vordergrund: Polizei, Feuerwehr, Bezirke und Netzbetreiber mussten parallel agieren, während Lagebilder sich ständig änderten. In solchen Situationen sind stabile Kommunikationsketten entscheidend unabhängig von Personen oder Tageszeiten.
Sicht der Senatskanzlei
Für den Regierenden Bürgermeister geht es um politische Gesamtverantwortung und Verlässlichkeit. Die klare Zurückweisung von Sprangers Darstellung zeigt, wie sensibel die Frage der Führungsfähigkeit im Krisenfall ist auch mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung.
Warum der Streit mehr ist als ein Telefonat
Der Konflikt offenbart ein tieferliegendes Problem: Berlin verfügt über Einsatzkräfte und Strukturen, aber offenbar nicht über lückenlos dokumentierte, verbindliche Führungs- und Kommunikationsprotokolle für den Ernstfall.
Wenn sich Tage nach einer Großschadenslage die politische Spitze öffentlich darüber widerspricht, wer wann erreichbar war, beschädigt das Vertrauen in das Krisenmanagement insgesamt. Gerade angesichts zunehmender Angriffe auf kritische Infrastruktur ist nicht entscheidend, wer zuerst informiert wurde sondern ob Entscheidungswege klar, nachvollziehbar und krisenfest sind.
Der Stromausfall wirkt damit wie ein Brennglas: Er legt offen, dass die Resilienz der Hauptstadt nicht allein eine technische, sondern vor allem eine organisatorische Frage ist.
Fazit:
Der Innenausschuss hat den Streit nicht beendet, sondern sichtbar gemacht. Nun steht der Senat vor einer Bewährungsprobe: Werden aus den widersprüchlichen Darstellungen konkrete Konsequenzen gezogen? Klare Alarmketten, verbindliche Erreichbarkeiten und dokumentierte Krisenkommunikation dürften darüber entscheiden, ob Berlin aus dem Blackout lernt oder beim nächsten Ernstfall erneut unter Strom steht.
🔔 Folge @Presse.Online für fundierte Analysen, starke Storys & die Themen, über die Deutschland morgen spricht.
FAQ
Was war die Ursache des Stromausfalls in Berlin?
Auslöser war ein Brand an einer Kabeltrasse in Berlin-Lichterfelde. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf gezielte Brandstiftung.
Wie viele Menschen waren betroffen?
Zehntausende Haushalte sowie zahlreiche Gewerbebetriebe im Berliner Südwesten waren zeitweise ohne Strom.
Warum streiten Spranger und Wegner?
Im Kern geht es um die Frage, wann und wie der Regierende Bürgermeister über die Krise informiert wurde und ob es Kommunikationsprobleme gab.
Welche Rolle spielt der Innenausschuss?
Der Innenausschuss des Abgeordnetenhauses dient der parlamentarischen Aufarbeitung des Krisenmanagements und der politischen Verantwortung.
Welche Konsequenzen könnten folgen?
Diskutiert werden verbindlichere Krisenprotokolle, klarere Zuständigkeiten und eine bessere Dokumentation von Entscheidungswegen.
Quellenangaben:
-
Stromnetz Berlin: Pressemitteilung „Nach Brand an Kabelbrücke: Stromausfall im Südwesten Berlins“ (03.01.2026).
-
Polizei Berlin: Polizeimeldung „Starkstromkabel angezündet: Zeuginnen und Zeugen gesucht“ (04.01.2026).
-
Tagesspiegel: Bericht zu Innenausschuss/Einordnung und Aussagen Sprangers zur Erreichbarkeit (aktuelle Berichterstattung).
-
Associated Press: Bericht zur Größenordnung und Dauer des Ausfalls sowie Ermittlungen (aktuelle Berichterstattung).
-
ZDFheute / n-tv: Hintergrund zu Bekennerschreiben/Vulkangruppen und Prüfungen der Behörden (aktuelle Berichterstattung).