Milliarden bleiben liegen: Staat treibt kaum zurück

Milliarden bleiben liegen: Staat treibt kaum zurück
6,3 Milliarden Euro verjähren warum der Staat nicht kassiert © Presse.Online

Warum Milliarden an Rückforderungen verjähren und was das für den Sozialstaat bedeutet

Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnet Rückforderungen in Milliardenhöhe, treibt davon aber nur einen Bruchteil ein. Das wirft Fragen zur Kontrolle staatlicher Leistungen und zur Funktionsfähigkeit des Sozialstaats auf.

Fakten

Nach Angaben der Bundesregierung belaufen sich offene Forderungen der Bundesagentur für Arbeit gegenüber Leistungsbeziehern auf rund 6,3 Milliarden Euro. Grundlage ist die Antwort auf eine Kleine Anfrage des AfD-Bundestagsabgeordneten René Springer. Demnach wird bei älteren Forderungen weniger als ein Prozent tatsächlich eingezogen; der überwiegende Teil verjährt.

Als „niedergeschlagen“ gelten Forderungen, wenn sie aus verwaltungsrechtlichen Gründen nicht weiter verfolgt werden etwa wegen Verjährung oder wirtschaftlicher Uneinbringlichkeit. Allein im Jahr 2024 summierte sich dieser Betrag laut Regierungsangaben auf knapp eine Milliarde Euro.

Die Ursachen der Rückforderungen sind bekannt: verspätete Arbeitsaufnahmen, nachträglich anzurechnende Einkommen oder unvollständige Angaben zu Vermögen. In diesen Fällen sind Rückforderungen rechtlich vorgesehen.

Perspektiven

Institutionelle Sicht: Die von Andrea Nahles geführte Bundesagentur für Arbeit verweist seit Jahren auf hohe Fallzahlen, komplexe Rechtslagen und begrenzte personelle Ressourcen. Zudem würden individuelle Härten berücksichtigt, um soziale Risiken zu vermeiden.

Kontrollinstanzen: Der Bundesrechnungshof kritisiert wiederholt Defizite bei Prüfung, Bescheiderlass und Mahnwesen. Forderungen würden zu spät oder gar nicht geltend gemacht, wodurch Verjährungen begünstigt würden.

Politische Reaktionen: In der Politik wächst der Druck. Auch Teile der CDU, darunter die Mittelstands- und Wirtschaftsunion, fordern konsequenteres Verwaltungshandeln. Die Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann warnte öffentlich vor Vertrauensverlusten, wenn rechtmäßige Rückforderungen ausbleiben.

Analyse / Einordnung

Die Zahlen sind vor dem Hintergrund angespannter Haushalte besonders relevant. Während Bund und Länder Konsolidierung einfordern, bleiben erhebliche Beträge ungenutzt. Das berührt drei Ebenen:

  1. Haushalts- und Steuerpolitik: Nicht eingetriebene Forderungen verschärfen Finanzierungslücken.

  2. Vertrauen: Ungleiche Durchsetzung von Regeln kann das Vertrauen in staatliche Institutionen untergraben.

  3. Verwaltung: Verzögerte Verfahren deuten auf strukturelle Schwächen in IT, Personal und Prozessen hin.

Gleichzeitig ist zu differenzieren: Nicht jede Forderung ist realistisch eintreibbar. Entscheidend ist, ob bestehende Ansprüche zeitnah geprüft und rechtssicher verfolgt werden.

Fazit

Die Debatte über verjährte Rückforderungen rückt die Balance von Förderung und Kontrolle in den Fokus. Offen bleibt, ob organisatorische Reformen, digitale Verfahren oder gesetzliche Anpassungen folgen. Zu beobachten ist, wie Bundesregierung und Bundesagentur auf die Kritik reagieren und ob sich die Einziehungsquoten künftig messbar verbessern.

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FAQ

Warum gibt es Rückforderungen beim Bürgergeld?
Sie entstehen, wenn Leistungen zu Unrecht oder in falscher Höhe gezahlt wurden, etwa durch verspätete Einkommensmeldungen.

Was bedeutet „niedergeschlagen“?
Der Begriff bezeichnet Forderungen, die aus rechtlichen oder wirtschaftlichen Gründen nicht weiter verfolgt werden, häufig wegen Verjährung.

Warum werden so wenige Forderungen eingetrieben?
Laut Bundesregierung spielen hohe Fallzahlen, Verwaltungsaufwand und verspätete Prüfungen eine Rolle.

Welche Folgen hat das für den Staatshaushalt?
Nicht eingetriebene Beträge fehlen dem Haushalt und können den Konsolidierungsdruck erhöhen.

Sind alle Forderungen eintreibbar?
Nein. Entscheidend ist eine frühzeitige Prüfung; verjährte oder wirtschaftlich aussichtslose Forderungen sind rechtlich nicht mehr durchsetzbar.

Quellen

  • Bundesregierung: Antwort auf eine Kleine Anfrage zu Rückforderungen der Bundesagentur für Arbeit

  • Bundesagentur für Arbeit: Jahresberichte und Verwaltungsstatistiken

  • Bundesrechnungshof: Prüfberichte zur Leistungsverwaltung

  • Deutscher Bundestag: Drucksachen zur Anfrage von René Springer

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