FCAS wackelt: Merz zweifelt offen
FCAS vor dem Aus? Warum Merz das Rüstungsprojekt infrage stellt und was das für Europas Verteidigung bedeutet
Kanzler Friedrich Merz zweifelt erstmals offen am deutsch-französischen Rüstungsprojekt FCAS. Unterschiedliche militärische Anforderungen könnten das Milliardenprogramm gefährden mit Folgen für Europas Sicherheitspolitik und die Industrie.
Was hinter der FCAS-Krise steckt
Das deutsch-französische Luftkampfsystem FCAS steht politisch unter Druck. Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat das Milliardenprojekt öffentlich infrage gestellt mit möglichen Folgen für Europas Verteidigungsstrategie und die Rüstungsindustrie.
In dem Podcast „Machtwechsel“ sprach Merz von einem „echten Problem im Anforderungsprofil“. Sollten sich die unterschiedlichen Bedürfnisse Deutschlands und Frankreichs nicht vereinen lassen, könne das Projekt „nicht aufrechterhalten“ werden.
Was ist FCAS?
FCAS steht für „Future Combat Air System“. Es handelt sich um ein gemeinsames Rüstungsprojekt von Deutschland, Frankreich und Spanien. Geplant ist ein Luftkampfsystem der sechsten Generation, bestehend aus:
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einem bemannten Kampfflugzeug mit Tarnkappentechnik
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unbemannten Begleitdrohnen
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vernetzten Kommunikations- und Gefechtsführungssystemen
Ab den 2040er-Jahren soll FCAS das Rückgrat der europäischen Luftverteidigung bilden. Nach bisherigen Vereinbarungen tragen Frankreich, Deutschland und Spanien jeweils ein Drittel der Entwicklungskosten.
Der Kern des Konflikts: Zwei Länder, zwei Anforderungen
Der aktuelle Streit dreht sich um das künftige Kampfflugzeug selbst.
Frankreich benötigt ein Flugzeug, das:
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auf einem Flugzeugträger starten und landen kann
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in die nukleare Abschreckungsstrategie integriert ist
Deutschland hingegen benötigt nach Angaben aus Regierungskreisen primär ein schnelles Jagdflugzeug zur konventionellen Luftverteidigung.
Merz formulierte die entscheidende Frage: Ob man „für diese beiden unterschiedlichen objektiven Anforderungsprofile zwei Flugzeuge bauen oder nur eins“ wolle. Paris strebe ein einheitliches Modell an, das vor allem französischen Anforderungen entspricht.
Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte in Berlin, Ziel sei nicht die Auflösung der Partnerschaft. Man warte auf eine Entscheidung Frankreichs, ob das Projekt in der ursprünglich vereinbarten Form fortgeführt werde.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bekräftigte während eines Indienbesuchs, er bleibe „dem Erfolg des Projekts verpflichtet“. Die nukleare Abschreckung sei von Beginn an Bestandteil der Planung gewesen.
Politische Perspektive: Kooperation oder Neuausrichtung?
Aus deutscher Sicht steht neben der technischen Frage auch eine strategische Grundsatzentscheidung im Raum. Merz sagte, er bespreche mit Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), ob Deutschland in zwanzig Jahren überhaupt noch ein bemanntes Kampfflugzeug benötige.
Das berührt zentrale Fragen europäischer Sicherheitsarchitektur:
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Wie autonom soll Europa militärisch sein?
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Welche Rolle spielen Drohnen und KI-gestützte Systeme?
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Wie stark bleibt die Abhängigkeit von US-Technologie?
Aus französischen Regierungskreisen hieß es, der Bau eines Kampfflugzeugs ohne französische Expertise sei kaum realisierbar. Wörtlich: „Viel Erfolg, wenn sie das allein machen wollen.“
Industrielle Perspektive: Milliarden und Machtfragen
Neben politischen Differenzen gibt es seit Jahren industrielle Spannungen zwischen den beteiligten Unternehmen. Streitpunkte sind Führungsansprüche, Zuständigkeiten und technologische Kernbereiche.
Eigentlich sollte 2026 die zweite Projektphase beginnen, um bis 2029 ein flugfähiges Demonstrationsmodell zu entwickeln. Diese Entscheidung wurde mehrfach verschoben.
Für die europäische Rüstungsindustrie geht es um ein Projektvolumen von rund 100 Milliarden Euro. Ein Scheitern könnte:
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Arbeitsplätze und Wertschöpfung in mehreren Ländern betreffen
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Europas Anspruch auf technologische Souveränität schwächen
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Alternativprojekte oder nationale Alleingänge beschleunigen
Warum das jetzt besonders relevant ist
Die geopolitische Lage in Europa hat sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine grundlegend verändert. Verteidigungsfähigkeit ist zu einem zentralen politischen Thema geworden.
Ein Scheitern von FCAS würde nicht nur ein technisches Projekt stoppen. Es wäre ein Signal für die Grenzen europäischer Rüstungskooperation in einer Phase, in der strategische Eigenständigkeit politisch betont wird.
Für Bürger betrifft das Thema indirekt:
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über Verteidigungshaushalte und Steuermittel
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über Arbeitsplätze in Hightech-Industrien
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über die langfristige Sicherheitsarchitektur Europas
Fazit und Ausblick
FCAS ist mehr als ein Kampfflugzeug. Es ist ein Symbol für europäische Verteidigungskooperation. Ob das Projekt fortgesetzt wird, hängt nun von politischen Entscheidungen in Paris und Berlin ab.
In den kommenden Wochen dürfte sich entscheiden, ob Phase zwei wie geplant startet oder ob das Projekt neu strukturiert oder grundlegend überdacht wird.
Beobachten sollten Leser vor allem:
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die angekündigte französische Entscheidung
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mögliche Kompromissmodelle
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eine strategische Neubewertung bemannter Systeme
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FAQ: Die wichtigsten Fragen zu FCAS
Was ist das Ziel von FCAS?
FCAS soll ab den 2040er-Jahren ein vernetztes Luftkampfsystem der sechsten Generation bereitstellen, bestehend aus Kampfjet, Drohnen und digitaler Gefechtsführung.
Warum gibt es Streit zwischen Deutschland und Frankreich?
Die militärischen Anforderungen unterscheiden sich: Frankreich benötigt Trägerfähigkeit und nukleare Integration, Deutschland fokussiert sich auf konventionelle Luftverteidigung.
Wie hoch sind die geplanten Kosten?
Das Projektvolumen wird auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt.
Welche Länder sind beteiligt?
Deutschland, Frankreich und Spanien beteiligen sich jeweils zu einem Drittel an der Entwicklung.
Was passiert, wenn FCAS scheitert?
Möglich wären nationale Alternativen, neue Partnerschaften oder verstärkte Abhängigkeit von bestehenden Systemen anderer Staaten.
Quellen
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Bundeskanzleramt: Podcast „Machtwechsel“, Aussagen von Friedrich Merz
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Bundesregierung: Pressekonferenz mit Regierungssprecher Stefan Kornelius
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Französisches Präsidialamt: Stellungnahme von Präsident Emmanuel Macron
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Nachrichtenagentur dpa: Berichterstattung zum Stand des FCAS-Projekts