Merz will telefonische Krankschreibung abschaffen
CDU fordert Ende telefonischer Krankschreibungen: Debatte um Krankenstand spitzt sich zu
Bundeskanzler Friedrich Merz hat den Krankenstand in Deutschland als zu hoch bezeichnet und eine politische Debatte über die telefonische Krankschreibung angestoßen. Die Diskussion berührt Fragen von Arbeitsmotivation, Gesundheitsschutz und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Hoher Krankenstand als politisches Thema
Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau sagte Merz, Beschäftigte fehlten in Deutschland im Schnitt rund 14,5 Tage pro Jahr krankheitsbedingt nahezu drei Arbeitswochen. „Ist das wirklich notwendig?“, fragte der CDU-Politiker öffentlich. Die Zahlen seien Anlass, darüber zu sprechen, wie Menschen stärker zur Arbeitsaufnahme motiviert werden könnten.
Im Zentrum der Kritik steht die telefonische Krankschreibung, die seit 2021 möglich ist. Sie wurde während der Corona-Pandemie eingeführt, um Arztpraxen zu entlasten und Infektionsrisiken zu senken. Aus Sicht der Union sei zu prüfen, ob diese Regelung unter Normalbedingungen noch gerechtfertigt sei. Merz kündigte an, darüber mit dem Koalitionspartner SPD sprechen zu wollen. Ziel sei eine höhere „volkswirtschaftliche Leistung“ in Deutschland.
Widerspruch von Krankenkassen
Die AOK widerspricht der politischen Deutung. Nach Angaben der Kasse gibt es keinen belegbaren Zusammenhang zwischen der telefonischen Krankschreibung und steigenden Fehlzeiten. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte hätten diese Möglichkeit nur in begrenztem Umfang genutzt.
Zugleich verweist die AOK auf einen statistischen Effekt: Mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) würden Krankmeldungen vollständiger erfasst. Vor allem kurze Erkrankungen, die früher teils nicht gemeldet wurden, flössen nun systematisch in die Statistik ein.
CSU fordert weitergehende Schritte
Unterstützung erhält Merz aus der CSU. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erklärte, in Deutschland werde „zu oft und zu schnell krankgeschrieben“. Er brachte die Wiedereinführung von Karenztagen ins Gespräch, bei denen die Lohnfortzahlung erst nach einigen Krankheitstagen greift.
Auch die CSU-Landesgruppe fordert ein Ende der elektronischen und telefonischen Krankschreibung. Laut einem internen Papier seien die Fehltage seit Einführung der Regelung um rund 40 Prozent gestiegen. Der CSU-Landesgruppenvorsitzende Alexander Hoffmann erklärte, Deutschland müsse seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen.
Einzelhandel besonders betroffen
Unabhängig von der politischen Debatte zeigen Krankenkassendaten einen deutlichen Anstieg der Fehlzeiten in einzelnen Branchen. Im Einzelhandel lag der Krankenstand laut AOK Rheinland/Hamburg 2024 bei 7,14 Prozent so hoch wie seit Beginn der Erhebung im Jahr 2003 nicht mehr. Grundlage sind Daten von über 100.000 Versicherten.
Auffällig ist insbesondere der Zuwachs psychischer Erkrankungen. Beschäftigte im Einzelhandel waren 2024 im Schnitt 5,7 Tage wegen psychischer Leiden krankgeschrieben, gegenüber 3,9 Tagen zehn Jahre zuvor. Das entspricht einem Anstieg von fast 50 Prozent.
Statistische Einordnung
Nach Daten des Statistisches Bundesamt waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage krankgemeldet. Gegenüber 2021 bedeutet das einen Anstieg um 3,6 Tage. Die Behörde sieht einen wesentlichen Grund in der eAU, die seit dem 1. Januar 2022 gilt und zu einer vollständigeren Erfassung der Krankmeldungen geführt hat.
Analyse: Zwischen Leistungsdebatte und Gesundheitsschutz
Die Diskussion um Krankentage berührt einen sensiblen Kernbereich der Arbeitsgesellschaft. Einerseits steht die Sorge um Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, andererseits der Schutz von Beschäftigten vor gesundheitlichen Risiken. Experten weisen darauf hin, dass steigende Zahlen nicht automatisch mehr Krankheit bedeuten, sondern auch bessere Erfassung.
Politisch dürfte die Debatte an Schärfe gewinnen, weil sie zentrale Fragen von Sozialstaat, Arbeitsrecht und demografischem Wandel verbindet. Entscheidungen über Krankschreibungsregeln hätten unmittelbare Folgen für Millionen Beschäftigte und für das Gesundheitssystem.
Fazit
Die Forderung nach einem Ende der telefonischen Krankschreibung markiert einen neuen Konfliktpunkt in der Arbeits- und Gesundheitspolitik. Ob gesetzliche Änderungen folgen, hängt von den Gesprächen innerhalb der Koalition ab. Klar ist: Der Umgang mit Krankheit am Arbeitsplatz bleibt ein zentrales Thema für Wirtschaft und Gesellschaft.
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FAQ
Warum kritisiert Friedrich Merz den Krankenstand?
Merz hält die durchschnittliche Zahl der Krankentage für zu hoch und sieht darin ein Risiko für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Was ist die telefonische Krankschreibung?
Sie ermöglicht es Ärztinnen und Ärzten, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen nach telefonischer Anamnese auszustellen.
Gibt es Belege für Missbrauch?
Krankenkassen wie die AOK sehen keinen klaren Zusammenhang zwischen telefonischer Krankschreibung und steigenden Fehlzeiten.
Warum steigen die Krankenzahlen statistisch?
Das Statistische Bundesamt verweist auf die elektronische Krankmeldung, die zu einer vollständigeren Erfassung führt.
Welche Branchen sind besonders betroffen?
Vor allem der Einzelhandel verzeichnet einen deutlichen Anstieg der Fehlzeiten, insbesondere bei psychischen Erkrankungen.
Quellen
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Statistisches Bundesamt: Arbeitsunfähigkeitsstatistik 2024
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AOK Bundesverband / AOK Rheinland-Hamburg: Krankenstands- und Branchenanalysen
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Öffentliche Aussagen von Friedrich Merz (CDU) und Markus Söder (CSU)