Mieten werden zur Rentenfalle

Mieten werden zur Rentenfalle
Wenn die Rente sinkt, aber die Miete bleibt, wird Wohnen im Alter zur Belastung. © Presse.Online

Wohnarmut im Alter: 5,1 Millionen Babyboomer könnten nach der Rente durch Mieten unter Druck geraten

Eine neue Berechnung des Pestel-Instituts im Auftrag der IG BAU warnt vor einem wachsenden Armutsrisiko für die geburtenstarken Jahrgänge. Betroffen sind vor allem Menschen mit niedriger gesetzlicher Rente und jene, die im Alter weiter Miete zahlen müssen.

5,1 Millionen Babyboomer mit weniger als 800 Euro gesetzlicher Rente

Nach Angaben der IG BAU könnten rund 5,1 Millionen Babyboomer in den kommenden Jahren weniger als 800 Euro gesetzliche Rente pro Monat erhalten. Grundlage ist eine Berechnung des Pestel-Instituts im Auftrag der Gewerkschaft. Die Zahl entspricht laut Berichten etwa 40 Prozent der rund 12,9 Millionen Menschen, die in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand wechseln. Besonders betroffen wären demnach Nordrhein-Westfalen mit mehr als einer Million Fällen sowie Bayern mit rund 815.000 Betroffenen.

Der Begriff Wohnarmut beschreibt dabei eine Lage, in der nach Abzug der Wohnkosten kaum noch ausreichend Geld für den Lebensunterhalt bleibt. Entscheidend ist also nicht allein die Rentenhöhe, sondern das Verhältnis aus Einkommen, Miete, Energie, Nebenkosten und regionalem Wohnungsmarkt.

IG-BAU-Chef Robert Feiger warnt laut Rheinischer Post, spätestens die Miete könne einen großen Teil der Babyboomer in die Wohnarmut drängen. Die Gewerkschaft verbindet die Berechnung mit der Forderung, dass die gesetzliche Rente zum Leben reichen müsse.

Warum die Warnung jetzt politisch brisant ist

Die Warnung trifft auf eine Phase, in der mehrere Entwicklungen zusammenfallen: Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter, viele Städte kämpfen mit hohen Mieten, und der Wohnungsneubau kommt vielerorts nicht schnell genug voran. Gleichzeitig wächst bereits heute die Zahl der Menschen, die im Alter auf ergänzende Hilfe angewiesen sind.

Das Statistische Bundesamt meldete für Dezember 2025 rund 1,28 Millionen Menschen in der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 1,8 Prozent mehr als im Dezember 2024. Davon entfiel ein erheblicher Teil auf Personen im Rentenalter.

Auch das Wohngeld spielt eine zentrale Rolle. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts bezogen Ende 2023 rund 1,2 Millionen Haushalte in Deutschland Wohngeld; die Zahl war nach der Wohngeldreform deutlich gestiegen. Das Instrument soll Haushalte mit geringen Einkommen und hohen Wohnkosten entlasten.

Wohnarmut ist kein reines Rententhema

Die Debatte ist komplexer als die zugespitzte Zahl vermuten lässt. Ökonom Ralph Henger vom Institut der deutschen Wirtschaft weist laut BILD darauf hin, dass in der Studie offenbar die gesetzliche Rente im Mittelpunkt steht, nicht aber private oder betriebliche Vorsorge. Zudem gebe es Rentner mit Wohneigentum, die zwar eine niedrige gesetzliche Rente beziehen, aber keine Miete zahlen müssen.

Dieser Einwand ist wichtig: Nicht jede niedrige gesetzliche Rente bedeutet automatisch Altersarmut. Wer mietfrei wohnt, über Betriebsrenten verfügt oder Vermögen hat, kann anders abgesichert sein als ein Mieterhaushalt ohne zusätzliche Vorsorge.

Gleichzeitig bleibt der strukturelle Kern bestehen: Für Menschen ohne Wohneigentum, ohne nennenswerte Zusatzvorsorge und mit steigenden Miet- und Nebenkosten kann der Übergang in die Rente zum finanziellen Einschnitt werden. Besonders gefährdet sind alleinlebende Rentner, Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, Teilzeitphasen, niedrigen Löhnen oder langen Phasen familiärer Sorgearbeit.

Wenn weniger Einkommen auf hohe Mieten trifft

Politisch steht damit mehr auf dem Spiel als eine Rentendebatte. Es geht um die Frage, ob der Wohnungsmarkt für ältere Menschen bezahlbar bleibt und ob staatliche Hilfen wie Wohngeld und Grundsicherung ausreichen, um Abstiege abzufedern.

Die Bundesregierung verweist beim Wohnungsbau auf Beschleunigung. Der sogenannte Wohnungsbau-Turbo soll Planungs- und Genehmigungsverfahren vereinfachen, Aufstockungen erleichtern und Umwandlungen von Gewerbeflächen in Wohnraum ermöglichen. Zugleich wurde die Mietpreisbremse bis 2029 verlängert.

Doch auch auf Eigentümerseite wächst der Druck. Haus-&-Grund-Präsident Kai Warnecke warnte laut BILD, ein Teil der Kleinvermieter erwäge wegen Regulierung und Folgekosten, die Vermietung aufzugeben oder Wohnungen zu verkaufen. Sollte sich das Angebot weiter verknappen, könnten gerade Mieter mit geringem Einkommen zusätzlich unter Druck geraten.

Was das konkret bedeutet

  • Für Bürger: Wer in den nächsten Jahren in Rente geht und zur Miete wohnt, sollte früh prüfen, ob Wohngeld, Grundsicherung oder ergänzende Vorsorge eine Rolle spielen könnten.
  • Für Verbraucher: Entscheidend ist nicht nur die Bruttorente, sondern das verfügbare Einkommen nach Miete, Nebenkosten, Energie und Versicherungen.
  • Für Kommunen: Steigende Wohnarmut kann mehr Beratungsbedarf, höhere Sozialausgaben und stärkeren Druck auf bezahlbaren Wohnraum auslösen.
  • Für die Wirtschaft: Der Wohnungsbau bleibt ein Schlüsselthema, weil fehlendes Angebot Mieten treibt und Kaufkraft bindet.
  • Für die Politik: Renten-, Wohnungs- und Sozialpolitik lassen sich in dieser Frage kaum noch getrennt betrachten.

Was jetzt entscheidend ist

Die Warnung vor Wohnarmut zeigt eine Verschiebung: Altersarmut wird nicht nur über Rentenpunkte entschieden, sondern zunehmend über Wohnkosten. Wer im Alter Miete zahlen muss, ist stärker von regionalen Preissteigerungen abhängig als Eigentümerhaushalte.

Entscheidend wird deshalb, ob drei Dinge zusammenkommen: ausreichend bezahlbarer Wohnraum, zielgenaue Entlastung über Wohngeld oder Grundsicherung und eine Rentenpolitik, die niedrige Erwerbsbiografien nicht dauerhaft in soziale Abhängigkeit führt.

Die Zahl von 5,1 Millionen ist kein fertiges Armutsurteil. Sie ist ein Warnsignal. Ihre politische Sprengkraft entsteht dort, wo niedrige Renten auf einen knappen Wohnungsmarkt treffen.

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FAQ

Was bedeutet Wohnarmut im Alter?

Wohnarmut bedeutet, dass nach Abzug von Miete, Nebenkosten und Wohnkosten kaum noch ausreichend Geld für den Lebensunterhalt bleibt.

Sind wirklich 5,1 Millionen Babyboomer armutsgefährdet?

Die Zahl stammt aus einer Berechnung des Pestel-Instituts im Auftrag der IG BAU. Sie bezieht sich auf Babyboomer, die voraussichtlich weniger als 800 Euro gesetzliche Rente erhalten könnten. Zusatzvorsorge oder Wohneigentum sind dabei gesondert zu betrachten.

Wer ist besonders betroffen?

Besonders gefährdet sind ältere Mieter mit niedriger gesetzlicher Rente, ohne Wohneigentum, ohne Betriebsrente oder private Vorsorge vor allem in Städten mit hohen Mieten.

Hilft Wohngeld gegen Wohnarmut?

Wohngeld kann hohe Wohnkosten abfedern. Es ersetzt aber keine ausreichende Altersabsicherung und hängt von Einkommen, Miete, Haushaltsgröße und Wohnort ab.

Warum ist das Thema jetzt relevant?

Weil die geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden Jahren in Rente gehen und gleichzeitig viele Wohnungsmärkte angespannt bleiben.

Quellenliste

  • IG BAU: Mitteilung zur Pestel-Berechnung über Babyboomer, gesetzliche Rente und Wohnarmut
  • Pestel-Institut: Berechnung im Auftrag der IG BAU
  • Rheinische Post: Bericht und Aussagen von IG-BAU-Chef Robert Feiger
  • Statistisches Bundesamt: Daten zur Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung
  • Statistisches Bundesamt: Daten zum Wohngeld
  • Bundesregierung: Informationen zum Wohnungsbau-Turbo und zur Mietpreisbremse
  • BILD: Aussagen von Michaela Engelmeier, Ralph Henger, Kai Warnecke und Stefanie Hubig laut vorliegender Berichterstattung

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