Deutsche führen bei den Nebenjobs
Nebeneinkünfte im EU-Parlament: Vier Deutsche unter Topverdienern
Vier deutsche Abgeordnete gehören laut einer Auswertung von ntv.de und Transparency International EU zu den zehn Spitzenverdienern bei den Nebeneinkünften im Europäischen Parlament. Die Zahlen basieren auf den eigenen Erklärungen der Mandatsträger und sind wegen weit gefasster Einkommensspannen teilweise nur Schätzwerte.
Piperea führt Rangliste mit mehr als 640.000 Euro an
An der Spitze der europäischen Rangliste steht der rumänische Abgeordnete Gheorghe Piperea. Seine jährlichen Einkünfte außerhalb des EU-Mandats werden auf 644.262 Euro beziffert. Auf Platz zwei folgt der französische Politiker Laurent Castillo mit 249.885 Euro.
Unter den deutschen Abgeordneten erzielt Manfred Weber nach der Auswertung die höchsten zusätzlichen Einkünfte. Der CSU-Politiker und Vorsitzende der Europäischen Volkspartei kommt demnach auf rund 199.032 Euro pro Jahr. Ein erheblicher Teil der Summe hängt mit seinem Amt als EVP-Vorsitzender zusammen.
Weber belegt damit Platz vier der europäischen Rangliste. Unmittelbar dahinter folgt seine CSU-Parteikollegin Angelika Niebler mit geschätzten 177.528 Euro jährlich.
Auf Rang sechs liegt Engin Eroglu von den Freien Wählern mit rund 176.000 Euro. Ein weiterer deutscher Abgeordneter wird in der Auswertung mit etwa 158.000 Euro geführt. Insgesamt stammen damit vier der zehn Abgeordneten mit den höchsten geschätzten Nebeneinkünften aus Deutschland.
Die Beträge kommen zum regulären Abgeordnetenentgelt hinzu. Mitglieder des Europäischen Parlaments dürfen grundsätzlich weitere berufliche, unternehmerische oder ehrenamtliche Tätigkeiten ausüben. Sie müssen diese jedoch in persönlichen Interessenerklärungen offenlegen.
Angelika Niebler meldet 18 weitere Tätigkeiten
Angelika Niebler gab laut der Auswertung insgesamt 18 Tätigkeiten außerhalb ihres Mandats an. Rund ein Drittel ihrer geschätzten Nebeneinkünfte stammt demnach aus freiberuflicher Arbeit für die internationale Wirtschaftskanzlei Gibson, Dunn & Crutcher LLP.
Die CSU-Politikerin stand zuletzt auch wegen eines Immunitätsverfahrens im Mittelpunkt. Belgische Behörden hatten die Aufhebung ihrer parlamentarischen Immunität beantragt. Hintergrund waren Vorwürfe im Zusammenhang mit der Verwendung von aus EU-Mitteln finanziertem Personal.
Niebler wurde vorgeworfen, einen Fahrer und lokale Assistenten auch im Zusammenhang mit Terminen eingesetzt zu haben, die ihren außerparlamentarischen Tätigkeiten zuzuordnen gewesen seien. Dabei handelt es sich um nicht gerichtlich festgestellte Vorwürfe.
Das Europäische Parlament lehnte die Aufhebung von Nieblers Immunität am 19. Mai 2026 ab. Damit wurde nicht über Schuld oder Unschuld entschieden. Die Entscheidung betrifft allein die Frage, ob die Immunität für das betreffende Verfahren aufgehoben wird. Das parlamentarische Verfahren ist abgeschlossen.
Deutsche Abgeordnete melden besonders viele Tätigkeiten
Bei der reinen Zahl der angegebenen Nebentätigkeiten liegen deutsche Abgeordnete ebenfalls weit vorn. Axel Voss von der CDU führt die entsprechende Liste nach der Auswertung mit 30 Tätigkeiten an. Dahinter folgen der CDU-Politiker Peter Liese mit 26 und der CSU-Abgeordnete Markus Ferber mit 23 Tätigkeiten.
Auch Angelika Niebler, Monika Hohlmeier und der SPD-Politiker René Repasi gehören zu den Abgeordneten mit besonders vielen Einträgen.
Die Zahl der Tätigkeiten sagt allerdings wenig über die tatsächliche Höhe der Einkünfte aus. Viele der angegebenen Funktionen werden nach den vorliegenden Erklärungen unentgeltlich ausgeübt. Dazu können Mitgliedschaften in Vereinen, Beiräten, Stiftungen, kommunalen Gremien oder wissenschaftlichen Einrichtungen gehören.
Ein Abgeordneter mit 30 aufgeführten Tätigkeiten muss daher nicht zwangsläufig mehr verdienen als ein Parlamentarier mit nur einer zusätzlichen, aber hoch vergüteten Tätigkeit.
Einkommensangaben sind teilweise nur Schätzungen
Die Rangliste erlaubt keine centgenaue Darstellung der tatsächlichen Einnahmen. Grundlage sind die persönlichen Interessenerklärungen der Abgeordneten. Darin werden Vergütungen teilweise nicht als exakte Beträge, sondern lediglich innerhalb vorgegebener Einkommensspannen ausgewiesen.
Für die Auswertung wurden in solchen Fällen Mittelwerte der jeweiligen Spannen angesetzt. Ein errechneter Betrag von beispielsweise 177.528 Euro ist deshalb als Schätzung und nicht als bestätigtes Jahreseinkommen zu verstehen.
Hinzu kommt, dass die Angaben von den Abgeordneten selbst stammen. Eine umfassende unabhängige Kontrolle sämtlicher Tätigkeiten, Einkünfte und möglicher Interessenkonflikte findet nach Einschätzung von Transparency International EU nicht statt.
Die Transparenzorganisation kritisiert insbesondere, dass es an einer konsequenten Aufsicht über Nebeneinkünfte und Lobbykontakte fehle. Damit bleibt häufig offen, ob sämtliche Tätigkeiten vollständig erfasst wurden und wie stark berufliche Interessen mit der parlamentarischen Arbeit verbunden sind.
Warum Nebeneinkünfte politisch relevant sind
Nebentätigkeiten sind nicht automatisch problematisch. Abgeordnete können durch frühere Berufe oder fachliche Tätigkeiten praktische Erfahrungen in die parlamentarische Arbeit einbringen.
Politisch sensibel werden zusätzliche Einkünfte jedoch dann, wenn Unternehmen, Kanzleien, Verbände oder andere Organisationen zugleich von europäischen Gesetzen und politischen Entscheidungen betroffen sind. Entscheidend ist daher nicht allein die Höhe der Einkünfte, sondern die Frage, ob mögliche Interessenkonflikte transparent gemacht, geprüft und ausgeschlossen werden.
Die aktuelle Auswertung zeigt vor allem ein strukturelles Problem: Die Daten sind öffentlich, lassen sich wegen unterschiedlicher Angaben und breiter Einkommensspannen aber nur eingeschränkt vergleichen. Ein vollständiges Bild darüber, wie viel die Abgeordneten tatsächlich verdienen und welche Interessen mit den Tätigkeiten verbunden sind, entsteht daraus nicht.
Kurz erklärt
EU-Abgeordnete dürfen neben ihrem Mandat weitere Tätigkeiten ausüben und daraus Einkommen erzielen. Die Angaben beruhen überwiegend auf persönlichen Erklärungen und werden teilweise nur in Einkommensspannen veröffentlicht. Deshalb sind viele Beträge geschätzt. Politisch entscheidend ist, ob mögliche Interessenkonflikte ausreichend offengelegt und kontrolliert werden.
Faktenüberblick
Thema: Nebeneinkünfte von Mitgliedern des Europäischen Parlaments
Datengrundlage: Selbstauskünfte und Interessenerklärungen der Abgeordneten
Höchster Schätzwert: Gheorghe Piperea mit 644.262 Euro jährlich
Höchster deutscher Wert: Manfred Weber mit rund 199.032 Euro
Deutsche unter den ersten zehn: vier
Meiste angegebene Tätigkeiten: Axel Voss mit 30
Wichtige Einschränkung: Teilweise errechnete Mittelwerte statt exakter Einkommen
Stand: Anfang Juni 2026
Was das konkret bedeutet
- Für Bürger: Die veröffentlichten Zahlen bieten Anhaltspunkte, aber keinen vollständigen Überblick über die tatsächlichen Einkünfte der Abgeordneten.
- Für das EU-Parlament: Die Auswertung erhöht den Druck, Angaben einheitlicher zu erfassen und mögliche Interessenkonflikte wirksamer zu kontrollieren.
- Für Abgeordnete: Viele Tätigkeiten sind erlaubt, müssen aber vollständig und nachvollziehbar offengelegt werden.
- Für Medien und Kontrollorganisationen: Exakte Vergleiche bleiben schwierig, solange Einkommen teilweise nur innerhalb breiter Spannen gemeldet werden.
Offene Fragen
- Werden sämtliche Nebentätigkeiten und Vergütungen vollständig und rechtzeitig angegeben?
- Sollten Abgeordnete künftig exakte Beträge statt Einkommensspannen veröffentlichen müssen?
- Welche Stelle könnte Interessenkonflikte unabhängig und wirksam kontrollieren?
- Welche konkreten Folgen hat die abgelehnte Aufhebung von Angelika Nieblers Immunität für das zugrunde liegende Verfahren?
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FAQ
Dürfen EU-Abgeordnete neben ihrem Mandat Geld verdienen?
Ja. Weitere berufliche und wirtschaftliche Tätigkeiten sind grundsätzlich erlaubt, müssen aber in den vorgeschriebenen Erklärungen offengelegt werden.
Wie zuverlässig sind die veröffentlichten Summen?
Die Werte sind nur eingeschränkt vergleichbar. Einige Abgeordnete nennen exakte Beträge, andere lediglich Einkommensspannen. In diesen Fällen wurden Mittelwerte berechnet.
Wer hat die höchsten Nebeneinkünfte?
Nach der aktuellen Auswertung führt Gheorghe Piperea aus Rumänien mit geschätzten 644.262 Euro jährlich.
Welcher deutsche Abgeordnete liegt vorn?
Manfred Weber von der CSU wird mit rund 199.032 Euro geführt. Damit liegt er auf Platz vier der Gesamtrangliste.
Bedeuten viele Nebenjobs automatisch hohe Einkünfte?
Nein. Zahlreiche angegebene Tätigkeiten werden unentgeltlich ausgeübt. Anzahl und Höhe der Nebeneinkünfte müssen daher getrennt betrachtet werden.
Quellen und Fact-Checking
Primärquelle: Europäisches Parlament: Das offizielle Verfahrensregister führt den Antrag zur Aufhebung der Immunität Angelika Nieblers unter der Nummer 2025/2175(IMM). Der Rechtsausschuss stimmte am 5. Mai 2026 ab; die Entscheidung des Parlaments fiel am 19. Mai. Das Verfahren wird als abgeschlossen geführt.
Primärquelle: Europäisches Parlament: Der Bericht A10-0127/2026 wurde am 6. Mai 2026 vorgelegt. Das Parlament hatte die Abstimmung über Nieblers Immunität für die Plenarsitzung am 19. Mai angesetzt.
Primärquelle: Abgeordnetenerklärungen: Das Europäische Parlament veröffentlicht auf den persönlichen Abgeordnetenseiten die jeweils unterschriebenen Interessenerklärungen. Diese bilden die Grundlage der Auswertung.
Sekundärquelle: ntv.de: Die am 4. Juni 2026 veröffentlichte Rangliste nennt Gheorghe Piperea mit 644.262 Euro auf Platz eins, Laurent Castillo mit 249.885 Euro auf Platz zwei, Manfred Weber mit 199.032 Euro auf Platz vier und Angelika Niebler mit 177.528 Euro auf Platz fünf.
Hintergrundquelle: Integrity Watch EU: Das Portal erklärt, dass die Einkommensübersichten auf den jeweils jüngsten Interessenerklärungen beruhen. Der aktuell öffentlich auslesbare Hinweis auf der allgemeinen Seite ist allerdings teilweise veraltet und verweist noch auf die Legislaturperiode 2019 bis 2024; für die konkrete aktuelle Rangliste wurde deshalb vorrangig die neu veröffentlichte ntv-Auswertung herangezogen.
Redaktioneller Hinweis: Der in mehreren Sekundärtexten genannte Name „Andreas Schwarz“ ist nicht belastbar genug verifiziert und wurde deshalb im Artikel nicht als gesicherte Identität übernommen. Ebenso wurde die falsche Angabe korrigiert, Angelika Niebler liege auf Platz zwei der Gesamtrangliste.