So kassiert der Staat beim Tanken mehrfach mit
Der Staat verdient mit: Warum Tanken in Deutschland so teuer ist
Der deutsche Staat belastet Benzin und Diesel mehrfach: durch Energiesteuer, CO₂-Bepreisung, regulatorische Klimaschutzkosten und anschließend 19 Prozent Umsatzsteuer auf den dadurch erhöhten Verkaufspreis. Autofahrer zahlen damit nicht nur hohe Abgaben. Sie zahlen Umsatzsteuer auch auf Preisbestandteile, die bereits vom Staat verursacht wurden.
Eine von der Kraftstoffwirtschaft beauftragte Untersuchung zeigt, wie stark diese Belastungen die europäische Rangliste verändern. Nach Abzug sämtlicher untersuchter staatlicher und regulatorischer Aufschläge errechnet Frontier Economics für Deutschland 95 Cent je Liter Diesel und 82 Cent je Liter Benzin. Diesel wäre damit im untersuchten Länderkreis am günstigsten, Benzin läge auf Platz zwei.
Umsatzsteuer wird auch auf die Energiesteuer fällig
Für schwefelarmes Benzin sieht das Energiesteuergesetz grundsätzlich 65,45 Cent je Liter vor, für schwefelarmen Diesel 47,04 Cent. Doch dabei bleibt es nicht. Auf den gesamten Nettoverkaufspreis werden anschließend 19 Prozent Umsatzsteuer aufgeschlagen.
Damit wird die Umsatzsteuer auch auf die im Preis enthaltene Energiesteuer erhoben. Umgangssprachlich ist das eine „Steuer auf die Steuer“. Rechtlich handelt es sich um die reguläre Umsatzsteuer-Bemessungsgrundlage.
Die Wirkung lässt sich einfach darstellen: Verteuert ein staatlicher Preisbestandteil den Nettopreis um einen Cent, steigt der Endpreis bei vollständiger Weitergabe nicht nur um diesen einen Cent. Durch die zusätzliche Umsatzsteuer werden daraus rechnerisch 1,19 Cent.
Hinzu kommen die CO₂-Bepreisung sowie Kosten, die Kraftstoffanbieter zur Erfüllung der gesetzlichen Treibhausgasminderungsquote tragen. Auch diese Belastungen können über den Verkaufspreis an Verbraucher weitergegeben werden und erhöhen damit zugleich den absoluten Umsatzsteuerbetrag.
Aus 2,01 Euro Diesel werden rechnerisch 95 Cent
Frontier Economics hat im Auftrag des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie, kurz en2x, die Kraftstoffpreise in Deutschland, seinen Nachbarstaaten sowie Italien und Spanien untersucht. Die im Juni vorgelegte Kurzstudie wurde nach Angaben des Verbands um Daten bis August 2026 erweitert.
Im Zeitraum von Mai bis August kostete Diesel in Deutschland der Auswertung zufolge durchschnittlich 2,01 Euro je Liter. Benzin lag bei 2,06 Euro.
Nach Abzug von Steuern und CO₂-Preis verblieben zunächst 1,13 Euro beim Diesel und 99 Cent beim Benzin. In dieser Betrachtung lag Deutschland nur auf Platz vier beziehungsweise fünf des untersuchten Vergleichsfeldes.
Frontier Economics zog anschließend die geschätzten Kosten der nationalen Umsetzung der europäischen Erneuerbaren-Richtlinie ab. Die Untersuchung beziffert diesen Preiseffekt für Deutschland auf 18 Cent je Liter Diesel und 17 Cent je Liter Benzin.
Dadurch sinkt der rechnerische Residualpreis auf 95 Cent für Diesel und 82 Cent für Benzin. Beim Diesel ist dies der niedrigste Wert der untersuchten Länder. Beim Benzin liegt lediglich Polen darunter.
Die Aussage, Deutschland wäre „ohne Steuern auf Platz zwei Europas“, ist dennoch zu ungenau. Beim Diesel ergibt die Studie Platz eins, beim Benzin Platz zwei. Zudem wurden nicht alle europäischen Staaten untersucht. Die Spitzenplätze entstehen auch erst, nachdem neben Steuern und CO₂-Preis ein geschätzter Regulierungseffekt herausgerechnet wurde.
Der Staat kassiert mit jedem Preisanstieg mehr Umsatzsteuer
Steigt der Nettopreis für Benzin oder Diesel, nimmt der Staat je verkauftem Liter automatisch mehr Umsatzsteuer ein. Die Energiesteuer ist dagegen grundsätzlich als fester Betrag je Liter ausgestaltet.
Bei einem Endpreis von 2,33 Euro sind rechnerisch rund 37 Cent Umsatzsteuer enthalten. Grundlage ist die Rechnung 2,33 Euro geteilt durch 1,19; die Differenz zum Endpreis entspricht dem Umsatzsteueranteil.
Diese rund 37 Cent kommen zu Energiesteuer, CO₂-bedingten Kosten und weiteren staatlich beeinflussten Preisbestandteilen hinzu. Die Einnahmen aus Energie- und Umsatzsteuer fließen grundsätzlich in die öffentlichen Haushalte. Sie lassen sich nicht ohne einen konkreten Haushaltsnachweis einzelnen Ausgaben etwa bestimmten Projekten im Ausland – zuordnen.
Politisch bleibt dennoch eine klare Verantwortungsfrage: Der Gesetzgeber entscheidet über Steuersätze, CO₂-Bepreisung, Klimaschutzquoten und die Verwendung der Einnahmen. Wer hohe Kraftstoffpreise kritisiert, kann den staatlichen Anteil deshalb nicht aus der Debatte ausklammern.
Teurer Diesel verteuert Transporte, Waren und Dienstleistungen
Die Belastung endet nicht am Tankdeckel eines privaten Autos. Kraftstoff ist ein Kostenfaktor für Speditionen, Lieferdienste, Landwirtschaft, Bauunternehmen, Pflegedienste, Handwerksbetriebe und mobile Dienstleister.
Steigende Transportkosten können entlang der Lieferkette weitergegeben werden. Lebensmittel müssen vom Produzenten zum Lager und von dort in den Handel gelangen. Handwerksbetriebe fahren zu ihren Kunden. Baustoffe, Möbel, Pakete und Ersatzteile werden auf der Straße transportiert.
Wie stark sich höhere Dieselpreise auf einzelne Waren oder Dienstleistungen auswirken, hängt vom Kraftstoffanteil, vom Wettbewerb und davon ab, ob Unternehmen die Mehrkosten an ihre Kunden weitergeben können. Eine automatische Verteuerung um einen festen Prozentsatz lässt sich daraus nicht ableiten.
Fest steht jedoch: Staatlich verursachte Kraftstoffkosten belasten nicht ausschließlich Autofahrer. Sie erhöhen potenziell die Betriebskosten zahlreicher Unternehmen und können dadurch auch Menschen treffen, die selbst kein Auto besitzen.
Deutschland zählt bei den Endpreisen zur EU-Spitzengruppe
Am 7. September 2026 kosteten Benzin und Diesel in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jeweils rund 2,33 Euro je Liter. Grundlage sind die von der Europäischen Kommission veröffentlichten nationalen Durchschnittspreise.
Beim Benzin waren nur Dänemark und die Niederlande teurer. Deutschland belegte damit den dritthöchsten Rang in der Europäischen Union. Beim Diesel lagen Finnland, die Niederlande und Dänemark vor Deutschland; hier stand die Bundesrepublik auf Platz vier.
Ausgerechnet ein Land mit vergleichsweise günstigen errechneten Restpreisen gehört damit an der Zapfsäule zu den teuersten Standorten der EU. Einen Teil dieses Widerspruchs erklären Steuern, CO₂-Bepreisung und die in Deutschland besonders kostspielige Umsetzung von Klimaschutzvorgaben.
Die Studie stammt aus der Kraftstoffbranche
Die Untersuchung wurde von en2x beauftragt. Der Verband vertritt Unternehmen der Mineralöl- und Energiewirtschaft und setzt die Ergebnisse in der politischen Debatte über Preisdeckel, Übergewinnsteuern und Eingriffe in den Kraftstoffmarkt ein.
Dieser Hintergrund muss bei der Bewertung berücksichtigt werden. Besonders die Kosten der Erneuerbaren-Richtlinie sind keine direkt beobachtbaren Preisbestandteile, sondern Schätzungen von Frontier Economics. Der errechnete Residualpreis ist deshalb kein Beleg dafür, dass Tankstellen Diesel tatsächlich für 95 Cent verkaufen würden, sobald der Staat seine Belastungen abschafft.
Die Berechnung legt aber offen, welchen Anteil politische Vorgaben am Endpreis haben können. Über die Höhe dieser Belastung und die Verwendung der Einnahmen entscheidet nicht der Weltmarkt. Darüber entscheiden Gesetzgeber und Bundesregierung.
Zahlen und Daten
- Durchschnitt Mai bis August 2026: 2,06 Euro Benzin, 2,01 Euro Diesel
- Nach Abzug von Steuern und CO₂-Preis: 99 Cent Benzin, 1,13 Euro Diesel
- Geschätzter RED-Preiseffekt: 17 Cent Benzin, 18 Cent Diesel
- Errechneter Residualpreis: 82 Cent Benzin, 95 Cent Diesel
- Rang im untersuchten Vergleichsfeld: Benzin Platz zwei, Diesel Platz eins
- Deutscher Endpreis am 7. September: jeweils rund 2,33 Euro
- EU-Rang beim Endpreis: Benzin Platz drei, Diesel Platz vier der teuersten Länder
FAQ zu Steuern auf Benzin und Diesel
Zahlt man beim Tanken tatsächlich eine „Steuer auf die Steuer“?
Die Umsatzsteuer wird auf den gesamten Verkaufspreis vor Umsatzsteuer berechnet. Darin ist auch die Energiesteuer enthalten. Umgangssprachlich trifft die Formulierung daher zu; rechtlich handelt es sich um die reguläre Berechnung der Umsatzsteuer.
Würde Diesel ohne staatliche Belastungen 95 Cent kosten?
Die 95 Cent sind ein theoretischer Residualpreis aus der Frontier-Studie. Er entsteht durch den Abzug von Steuern, CO₂-Bepreisung und geschätzten Regulierungskosten. Ein tatsächlicher Marktpreis von 95 Cent ist damit nicht garantiert.
Warum verteuert teurer Diesel auch andere Produkte?
Unternehmen benötigen Kraftstoff für Transporte, Lieferungen und Kundenfahrten. Können sie höhere Betriebskosten nicht auffangen, werden diese ganz oder teilweise in die Preise von Waren und Dienstleistungen eingerechnet.
Bezahlt Deutschland mit der Kraftstoffsteuer Projekte im Ausland?
Steuereinnahmen fließen grundsätzlich in die öffentlichen Haushalte und werden dort nicht einem einzelnen Liter Kraftstoff oder einer bestimmten Ausgabe zugeordnet. Eine direkte Verbindung zu konkreten Auslandsprojekten darf deshalb nur anhand des jeweiligen Haushalts nachgewiesen werden.
Quellen und Transparenz
- Frontier Economics: „Tankstellenpreise in Deutschland im europäischen Vergleich“, Kurzstudie vom 16. Juni 2026 im Auftrag von en2x. Der RED-Preiseffekt beruht auf einer indikativen Schätzung.
- Wirtschaftsverband Fuels und Energie: „Netto-Tankstellenpreise unter europäischem Durchschnitt“, Pressemitteilung vom 14. September 2026.
- Europäische Kommission: Weekly Oil Bulletin, europäische Kraftstoffpreise mit und ohne Steuern.
- Statistisches Bundesamt: Kraftstoffpreise im EU-Vergleich, aktualisiert am 10. September 2026.
- Bundesministerium der Justiz/Bundesamt für Justiz: § 2 Energiesteuergesetz und § 12 Umsatzsteuergesetz.
- Europäische Union: Mehrwertsteuersystemrichtlinie 2006/112/EG.
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