Gewalt: Gewöhnen wir uns ans Wegsehen?

Gewalt: Gewöhnen wir uns ans Wegsehen?
Gewalt darf nicht alltäglich werden © Presse.Online

Gewalt in Deutschland: Gewöhnen wir uns ans Wegsehen?

Schüsse, Vergewaltigungen, Angriffe auf Polizisten: Bei Presse.Online beobachten wir weniger Resonanz auf Berichte über Gewalt. Beweist das eine Abstumpfung? Nein. Doch es wirft eine Frage auf: Welchen Platz geben wir den Opfern noch?

Kommentar | Stand: 10. Oktober 2026

Wieder eine Meldung über Schüsse in Berlin. Wieder ein Bericht über eine Vergewaltigung. Wieder angegriffene Polizisten. Wer solche Nachrichten liest, kennt womöglich den Gedanken: Schon wieder. Dann geht es weiter zur nächsten Meldung.

Genau dieser Moment beschäftigt uns bei Presse.Online. Nach unserer redaktionellen Beobachtung erreichten Berichte über Straftaten noch vor einigen Monaten häufig Tausende Leser. Inzwischen nehmen wir bei solchen Beiträgen weniger Resonanz wahr. Eine systematische Auswertung vergleichbarer Artikel liegt diesem Kommentar nicht zugrunde. Trotzdem stellt sich für uns eine Frage: Gewöhnen wir uns an Gewalt?

Weniger Klicks liefern darauf keine eindeutige Antwort. Sie sagen zunächst etwas über die Aufmerksamkeit für einen Beitrag aus. Ob jemand gleichgültig geworden ist, sich überfordert fühlt oder die Nachricht bereits anderswo gelesen hat, erfahren wir daraus nicht.

Die Sorge bleibt: Was passiert, wenn Gewaltmeldungen so vertraut werden, dass wir kaum noch innehalten?

Nachrichtenmüdigkeit ist keine Zustimmung zu Gewalt

Einen Hinweis auf mögliche Gründe liefert die deutsche Untersuchung zum Reuters Institute Digital News Report 2025. Damals gaben 71 Prozent der erwachsenen Internetnutzer an, Nachrichten zumindest gelegentlich aktiv zu meiden. Unter den Nachrichtenvermeidern nannten 48 Prozent negative Auswirkungen auf die Stimmung als Grund. Auch die Menge der Nachrichten und die häufige Berichterstattung über Kriege und Konflikte belasteten Befragte. Die Untersuchung erfasst Nachrichtenvermeidung allgemein, keine Abstumpfung gegenüber Gewaltkriminalität.

Wer einen Bericht nicht mehr öffnet, muss also keineswegs weniger Mitgefühl haben. Vielleicht fehlt ihm an diesem Tag die Kraft für eine weitere erschütternde Nachricht. Menschen dürfen ihren Nachrichtenkonsum begrenzen. Niemand ist verpflichtet, jede Gewalttat mitzuverfolgen.

Auch die Wege zu Nachrichten verändern sich. Der Digital News Report 2026 beschreibt international eine zunehmende Nutzung sozialer Medien und Videoplattformen, während Nachrichtenseiten und deren Apps an Nutzung verlieren. Das erklärt die Entwicklung bei Presse.Online nicht unmittelbar. Es zeigt aber, warum sinkende Seitenaufrufe allein kein Beleg für gesellschaftliche Gleichgültigkeit sind.

Aus unserer Beobachtung können wir deshalb keine Diagnose über „die Deutschen“ ableiten. Wir können sie zum Anlass nehmen, über unseren Umgang mit Gewalt zu sprechen.

Die Zahlen verlangen einen genauen Blick

Ebenso wenig lässt sich aus einer Folge erschütternder Schlagzeilen schließen, dass jede Form von Gewalt ständig zunimmt.

Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts wurden 2025 bundesweit 212.335 Fälle von Gewaltkriminalität registriert. Das waren 2,3 Prozent weniger als 2024. Gegenüber 2019 lag die Zahl allerdings um 17,3 Prozent höher. Beide Vergleiche gehören zur Einordnung.

Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr rechtfertigt keine pauschale Entwarnung. Der längerfristige Anstieg erlaubt wiederum nicht, jede neue Meldung als Beweis einer ungebremsten Verschlechterung auszugeben.

Für diesen Kommentar ist eine andere Frage maßgeblich: Welchen Anspruch haben wir an das Zusammenleben, unabhängig davon, in welche Richtung eine Jahresstatistik zeigt?

Eine Vergewaltigung wird durch einen statistischen Rückgang anderer Delikte nicht weniger schwer. Ein Angriff auf einen Polizisten wird nicht hinnehmbar, weil ähnliche Taten schon oft gemeldet wurden. Die Häufigkeit einer Nachricht darf unseren Maßstab nicht verschieben.

Werte müssen im Alltag gelten

Ja, wir sollten die Werte pflegen, auf die wir uns in Deutschland berufen. Dazu gehört, die Würde anderer Menschen zu achten und ihre körperliche Unversehrtheit zu respektieren. Gewalt gehört nicht zu einem Zusammenleben, das diesen Anspruch ernst nimmt.

Diese Verpflichtung gilt für jeden, der hier lebt. Sie darf weder von der Herkunft eines Täters noch von der politischen Verwertbarkeit einer Tat abhängen. Wer Gewalt verurteilt, muss denselben Maßstab anlegen, auch wenn ein Fall nicht in das eigene Weltbild passt.

Werte bleiben hohl, wenn sie erst nach besonders aufsehenerregenden Taten beschworen werden. Sie müssen sich dort bewähren, wo Menschen bedroht oder angegriffen werden: durch erreichbare Hilfe, sorgfältige Ermittlungen und den Schutz Betroffener.

Die Forderung danach ist berechtigt. Sie braucht keine Übertreibung und keine pauschale Verdächtigung ganzer Bevölkerungsgruppen. Verantwortung für eine Straftat trägt der Täter.

Auch wir als Redaktion müssen genauer hinsehen

Unsere Beobachtung verpflichtet ebenso uns selbst. Wenn Berichte weniger Menschen erreichen, genügt es nicht, den Lesern Abstumpfung vorzuwerfen. Wir müssen prüfen, welchen Erkenntnisgewinn unsere Beiträge bieten.

Eine weitere kurze Meldung über eine Tat beantwortet noch nicht, was danach geschieht. Wie entwickeln sich die Ermittlungen? Kommt es zu einer Anklage? Welche Unterstützung erhalten Betroffene? Wo gab es konkrete Versäumnisse? Solche Fragen verdienen journalistische Ausdauer, auch wenn der erste Aufmerksamkeitsmoment vorbei ist.

Die Antwort auf nachlassende Resonanz darf nicht darin bestehen, jede Überschrift lauter zu machen. Wer Gewaltberichte nur nach ihrer Klickzahl bewertet, riskiert, Opfer aus dem Blick zu verlieren, sobald ein Fall weniger Aufmerksamkeit verspricht.

Wir wissen nicht, ob Deutschland gegenüber Gewalt abstumpft. Wir wissen, welchen Maßstab wir als Redaktion vertreten wollen: Gewalt darf nicht zur akzeptierten Begleiterscheinung des Alltags werden. Und ein Opfer verdient Aufmerksamkeit auch dann, wenn seine Geschichte keine Tausenden Seitenaufrufe mehr erzielt.

Quellen und Transparenz

  • Eigene redaktionelle Beobachtung: Die beschriebene Veränderung der Leserresonanz stammt aus den Angaben von Presse.Online. Eine systematische Reichweitenanalyse mit einheitlichem Vergleichszeitraum liegt nicht vor.
  • Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kriminalstatistik 2025, Überblick und IMK-Bericht. bka.de
  • Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut: Deutsche Ergebnisse des Reuters Institute Digital News Report 2025, veröffentlicht am 17. Juni 2025. leibniz-hbi.de
  • Reuters Institute: Digital News Report 2026, Überblick zu Veränderungen der Nachrichtennutzung. reutersinstitute.politics.ox.ac.uk

Der Beitrag ist ein Kommentar. Die Bewertung des gesellschaftlichen Umgangs mit Gewalt ist von den genannten statistischen Befunden zu unterscheiden. Die Studien belegen keine allgemeine Abstumpfung gegenüber Gewalt in Deutschland.

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