700 Jahre alte Brauerei insolvent

700 Jahre alte Brauerei insolvent
Mehrere Traditionsbrauereien in Süddeutschland stehen unter Druck. Die Aktienbrauerei Kaufbeuren will den Betrieb trotz Insolvenz fortführen. © Presse.Online

Aktienbrauerei Kaufbeuren ist insolvent: Betrieb läuft weiter

Die Aktienbrauerei Kaufbeuren hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Der traditionsreiche Braubetrieb aus dem Allgäu, dessen Geschichte bis ins Jahr 1308 zurückreicht, soll nach Unternehmensangaben dennoch weiterlaufen. Betroffen sind nach Berichten des Bayerischen Rundfunks 84 Beschäftigte; zugesagte Lieferungen und Veranstaltungen in der Region sollen wie geplant versorgt werden.

Für Kundinnen und Kunden bedeutet die Insolvenz zunächst keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Bierproduktion, Braubetrieb und regionale Belieferung sollen nach bisherigem Stand nicht gestoppt werden. Offen ist aber, ob die Sanierung gelingt und ob ein Investor gefunden wird, der den Standort langfristig sichert.

Aktienbrauerei sucht Investoren für den Neustart

Die Insolvenz in Eigenverwaltung ist kein sofortiges Aus für das Unternehmen. Bei diesem Verfahren bleibt die Geschäftsführung grundsätzlich im Amt, arbeitet aber unter gerichtlicher Aufsicht und mit Sanierungsziel. Nach Angaben aus dem Umfeld der Brauerei soll der Standort Kaufbeuren erhalten bleiben; die Produktion solle vollständig vor Ort weitergehen.

Die Lage ist dennoch ernst. Die Aktienbrauerei Kaufbeuren gehört zu den ältesten Brauereien Deutschlands und gilt als letzte Repräsentantin der Kaufbeurer Biertradition. Nach Angaben der Brauerei selbst beschäftigt die ABK Betriebsgesellschaft rund 100 Mitarbeiter; aktuelle Medienberichte nennen im Zusammenhang mit dem Verfahren 84 Beschäftigte.

Seit 2013 ist das operative Braugeschäft eng mit der britischen ROKiT-Gruppe verbunden. Die entscheidende Frage ist nun, ob die Sanierung genügend Vertrauen bei Gläubigern, Geschäftspartnern und möglichen Investoren schafft. Ein konkreter Investor wurde bislang nicht bestätigt.

Auch Brauerei Ott aus Bad Schussenried ist insolvent

Die Meldung aus Kaufbeuren kommt nur kurz nach einer weiteren Insolvenz im Süden: Die Schussenrieder Brauerei Ott aus Bad Schussenried im Landkreis Biberach hat ebenfalls die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Das Amtsgericht Ravensburg setzte nach SWR-Angaben den Rechtsanwalt Matthäus Rösch als vorläufigen Insolvenzverwalter ein.

Auch dort soll der Betrieb zunächst weiterlaufen. Die Brauerei Ott ist seit rund 120 Jahren im Besitz der Familie Ott und wird in vierter Generation geführt. Sie beschäftigt etwa 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und produziert nach Unternehmensangaben jährlich rund 60.000 Hektoliter Bier sowie zusätzlich alkoholfreie Getränke. Beliefert werden unter anderem Oberschwaben, der Bodensee, das Allgäu, die Schwäbische Alb, Ulm und der Großraum Stuttgart.

Der Biermarkt schrumpft seit Jahren

Die beiden Fälle treffen eine Branche, die seit Jahren unter Druck steht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sank der Bierabsatz deutscher Brauereien und Bierlager im Jahr 2025 um 6,0 Prozent auf rund 7,8 Milliarden Liter. Das war der stärkste Rückgang seit Beginn der Zeitreihe 1993; erstmals fiel der Absatz unter acht Milliarden Liter. Nicht enthalten sind alkoholfreie Biere, Malztrunk und Bierimporte aus Staaten außerhalb der EU.

Besonders hart ist der Rückgang, weil die Branche eigentlich auf starke Sommermonate angewiesen ist. Fußballturniere, Feste, Biergärten und Veranstaltungen können helfen, ändern aber nichts am langfristigen Trend: weniger klassischer Bierkonsum, steigende Kosten, schwache Kauflaune und hoher Wettbewerbsdruck.

Im Südwesten zeigt sich die Entwicklung ebenfalls deutlich. Der Baden-Württembergische Brauerbund verweist für 2025 auf ein Minus beim Inlandsbierabsatz im Land; zugleich gewinnt alkoholfreies Bier an Bedeutung.

Für die Regionen geht es um mehr als Bier

Für Kaufbeuren und Bad Schussenried steht nicht nur ein Produkt im Regal auf dem Spiel. Traditionsbrauereien sind Arbeitgeber, regionale Lieferanten, Festpartner und Teil lokaler Identität. Wenn solche Betriebe in Schieflage geraten, betrifft das Beschäftigte, Gastronomie, Vereine, Veranstalter und Zulieferer.

Ob beide Brauereien dauerhaft gerettet werden können, hängt nun von den Sanierungskonzepten, der laufenden Finanzierung und möglichen Investoren ab. Sicher ist bislang: Beide Betriebe sollen vorerst weiterarbeiten. Offen bleibt, wie viele Arbeitsplätze langfristig erhalten werden und ob die Unternehmen eigenständig oder mit neuen Partnern in die Zukunft gehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Entscheidung: Die Aktienbrauerei Kaufbeuren hat Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt.
  • Zeitpunkt: Die Insolvenz wurde am 17. Juni 2026 öffentlich bekannt; die Brauerei Ott wurde bereits am 16. Juni 2026 als insolvent gemeldet.
  • Betroffene: In Kaufbeuren geht es laut BR um 84 Beschäftigte, bei der Brauerei Ott um etwa 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  • Folge: Beide Brauereien sollen zunächst weiter produzieren; regionale Lieferungen sollen nach aktuellem Stand nicht ausfallen.
  • Status: Kaufbeuren befindet sich in Eigenverwaltung; bei Ott wurde ein vorläufiger Insolvenzverwalter eingesetzt.
  • Nächster Schritt: Für Kaufbeuren werden Investoren gesucht, um den Braubetrieb langfristig zu sichern.
  • Branchenlage: Der deutsche Bierabsatz sank 2025 laut Destatis um 6,0 Prozent auf rund 7,8 Milliarden Liter.
  • Quelle: Zentrale Belege sind BR, SWR, Destatis und Branchenangaben des Baden-Württembergischen Brauerbundes.

🔔 Unabhängiger Journalismus lebt von Reichweite.
Folgen Sie auf
X, Linkedin oder Instagram und bleiben Sie informiert.

FAQ

Ist die Aktienbrauerei Kaufbeuren jetzt geschlossen?
Nein. Nach bisherigem Stand soll der Braubetrieb weiterlaufen. Auch zugesagte Lieferungen und regionale Veranstaltungen sollen wie geplant versorgt werden.

Was bedeutet Insolvenz in Eigenverwaltung?
Insolvenz in Eigenverwaltung bedeutet, dass das Unternehmen sich unter gerichtlicher Aufsicht selbst sanieren soll. Ziel ist nicht automatisch die Schließung, sondern häufig der Erhalt des Betriebs durch Restrukturierung, Gläubigervereinbarungen oder Investoren.

Sind Arbeitsplätze unmittelbar gefährdet?
Die Arbeitsplätze sind von der wirtschaftlichen Lage betroffen, ein konkreter Stellenabbau wurde für Kaufbeuren aber nicht bestätigt. Bei beiden Brauereien ist entscheidend, ob die Sanierung gelingt und ob Investoren oder tragfähige Finanzierungslösungen gefunden werden.

Warum geraten so viele Brauereien unter Druck?
Der klassische Bierabsatz sinkt seit Jahren. Gleichzeitig belasten Energiepreise, Rohstoffkosten, Personalkosten, Konsumzurückhaltung und ein intensiver Wettbewerb vor allem kleinere und regionale Brauereien.

Müssen Kunden mit Lieferausfällen rechnen?
Nach aktueller Darstellung nicht. Die Aktienbrauerei Kaufbeuren betont, dass Produktion und regionale Versorgung weiterlaufen sollen. Sollte sich daran etwas ändern, wäre eine neue Unternehmensmitteilung oder Entscheidung im Verfahren maßgeblich.

Quellen

  • Bayerischer Rundfunk: Bericht zur Insolvenz der Aktienbrauerei Kaufbeuren, 17. Juni 2026; belegt Eigenverwaltung, Fortführung des Betriebs, Beschäftigte und Investorensuche. Sekundärquelle mit Unternehmensangaben.
  • Allgäuer Zeitung / AllgäuHit: Berichte zum Sanierungsverfahren der Aktienbrauerei Kaufbeuren, 16./17. Juni 2026; belegen Antrag, Standortaussagen und laufende Produktion. Sekundärquellen.
  • SWR Aktuell: „Schussenrieder Traditionsbrauerei Ott ist insolvent“, Stand 16. Juni 2026; belegt Insolvenzantrag, vorläufigen Insolvenzverwalter, Beschäftigtenzahl und Fortführung. Sekundärquelle.
  • Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 037 vom 2. Februar 2026; belegt Bierabsatz 2025, Rückgang um 6,0 Prozent und Rekordtief seit 1993. Primärquelle.
  • Baden-Württembergischer Brauerbund / lifePR: Mitteilung vom 2. Februar 2026; belegt regionale Branchenentwicklung und Absatzminus in Baden-Württemberg. Branchenquelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert