Ölpreis über 100 Dollar: Sorge vor Lieferengpässen
Ölpreis steigt über 100 Dollar, Lieferwege unter Druck
Der Ölpreis ist am Freitag weiter gestiegen. Ein Barrel der Nordseesorte Brent verteuerte sich im frühen Handel um rund ein Prozent auf 108,68 Dollar und erreichte später zeitweise 109,97 Dollar. US-Leichtöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) lag am frühen Freitag bei 103,45 Dollar je Barrel.
Beide Referenzsorten steuern damit auf ein Wochenplus von fast 13 Prozent zu. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters wäre dies der stärkste Wochenanstieg seit Mitte Juli. Erstmals seit Mitte Mai könnten beide Sorten eine Handelswoche oberhalb von 100 Dollar je Barrel beenden.
Angriffe bedrohen zwei zentrale Schifffahrtsrouten
Auslöser der Preisbewegung ist vor allem die Sorge, dass sich die Ölversorgung aus dem Nahen Osten weiter verschärfen könnte. Der Verkehr durch die Straße von Hormus bleibt infolge des Konflikts zwischen den USA und Iran eingeschränkt. Zugleich haben Angriffe auf Tanker in der Region zugenommen.
Die Straße von Hormus verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman. Sie gehört zu den bedeutendsten Transportwegen für Öl und verflüssigtes Erdgas. Einschränkungen an dieser Meerenge können deshalb Lieferketten weit über die Region hinaus belasten.
Zusätzlicher Druck entsteht am südlichen Zugang zum Roten Meer. Die mit Iran verbündeten Huthi haben nach übereinstimmenden Medienberichten am Donnerstag die Kontrolle über die jemenitische Hafenstadt Mokka übernommen. Die Stadt liegt nahe der Meerenge Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet.
Damit stehen gleichzeitig zwei wichtige Routen unter erhöhtem Risiko: die Straße von Hormus für Exporte aus dem Persischen Golf und Bab al-Mandab für Transporte zwischen dem Indischen Ozean, dem Roten Meer und dem Suezkanal. Entscheidend für die weitere Preisentwicklung ist, ob die Einschränkungen von kurzer Dauer bleiben oder den Warenverkehr über längere Zeit beeinträchtigen.
Dieselpreis in den USA überschreitet sechs Dollar
Die Folgen des Konflikts erreichen bereits die Tankstellen. Der landesweite Durchschnittspreis für Diesel in den USA überschritt nach Angaben des Preisbeobachters GasBuddy am Donnerstag erstmals sechs Dollar je Gallone. Eine US-Gallone entspricht rund 3,79 Litern.
Neben dem Rohölpreis beeinflussen allerdings auch Raffineriekapazitäten, Lagerbestände, Steuern, Wechselkurse und regionale Lieferbedingungen die Kraftstoffpreise. Der Preisanstieg bei Rohöl lässt sich daher nicht unmittelbar und in gleicher Höhe auf Benzin oder Diesel übertragen.
Für Deutschland liegen in den ausgewerteten Quellen noch keine belastbaren Angaben dazu vor, wie stark sich die jüngste Ölpreisbewegung an den Tankstellen niederschlagen wird. Anhaltend hohe Weltmarktpreise können jedoch mit zeitlicher Verzögerung Kraftstoffe, Heizöl, Flugreisen und energieintensive Transporte verteuern.
Höhere Ölpreise verschärfen Inflationsrisiken
Der Preissprung belastet auch die Finanzmärkte. Anleger befürchten, dass teurere Energie die Inflation erneut antreiben und Zentralbanken zu einer strafferen Geldpolitik bewegen könnte. Steigende Zinsen verteuern Kredite und können Investitionen sowie den privaten Konsum bremsen.
Am Donnerstag verlor der technologielastige Nasdaq 100 nach den vorliegenden Marktdaten 1,08 Prozent. Der Dow Jones Industrial Average gab um 0,6 Prozent nach, der S&P 500 um 0,58 Prozent. Am Freitag stiegen zugleich die Renditen von Staatsanleihen deutlich.
Tony Sycamore, Analyst beim Broker IG, hält einen erneuten Anstieg des WTI-Preises auf das Anfang März erreichte Hoch von 119,48 Dollar zunehmend für möglich. Dabei handelt es sich um eine Marktprognose, nicht um eine gesicherte Entwicklung. Ölpreise können sich bei einer militärischen Entspannung ebenso schnell wieder nach unten bewegen.
OPEC senkt Nachfrageprognose trotz Angebotsrisiken
Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) senkte nach einem Reuters vorliegenden Monatsbericht ihre Prognose für das Wachstum der weltweiten Ölnachfrage im Jahr 2026 auf 380.000 Barrel pro Tag. Es war demnach die fünfte Abwärtskorrektur in Folge.
Eine Reuters-Umfrage ergab zugleich, dass die Förderung der OPEC-Staaten im August um rund 640.000 Barrel pro Tag zurückging. Diese Angaben stammen aus unterschiedlichen Erhebungen: Die Nachfrageprognose basiert auf dem OPEC-Bericht, die Produktionsschätzung auf einer Reuters-Umfrage. Eine öffentlich abrufbare Primärquelle für die genannten August-Fördermengen lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht vor.
Für die Märkte treffen damit gegenläufige Faktoren aufeinander. Schwächere Nachfrageerwartungen können den Preis grundsätzlich dämpfen. Kurzfristig überwiegt jedoch die Sorge, dass bestehende Ölströme durch Angriffe, blockierte Routen oder weitere militärische Eskalationen ausfallen könnten.
Maßgeblich für die nächsten Handelstage werden die Entwicklung des Schiffsverkehrs an der Straße von Hormus und am Bab al-Mandab sowie mögliche weitere Angriffe auf Tanker und Energieanlagen sein.
Quellen und Transparenz
- Reuters: Oil prices set to end week over $100 for first time in nearly four months, 11. September 2026 Marktbericht und ergänzende Medienquelle
- Reuters: Global bonds buckle as surging oil prices inflame inflation risks, 11. September 2026 Finanzmarktbericht
- Associated Press: Oil surges above $100 as US and Iran launch new attacks, 9. September 2026 ergänzender Medienbericht
- OPEC-Monatsbericht September 2026 von Reuters wiedergegebene Nachfrageprognose; die zugrunde liegende Primärveröffentlichung war bei Redaktionsschluss nicht unmittelbar abrufbar
- UK Maritime Trade Operations in Medienberichten wiedergegebene Angaben zu Schifffahrtsvorfällen; eine direkt überprüfbare Ereignismeldung lag bei Redaktionsschluss nicht vor
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