Warum verschwinden Berlins Spatzen so plötzlich?
Berlin zählt rund 70 Prozent weniger Spatzen als 2021
In Berlin werden deutlich weniger Haussperlinge beobachtet als noch vor fünf Jahren. Nach Angaben des Biologen Jörg Böhner, Mitglied der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft (BOA), liegt ihre Zahl inzwischen rund 70 Prozent unter dem Niveau von 2021. Damals hatte die BOA den Bestand auf etwa 190.000 Brutpaare hochgerechnet.
Auch die jüngsten Mitmachzählungen des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) weisen stark nach unten. Warum gerade die Spatzenbestände in Berlin so schnell einbrechen, ist bislang nicht geklärt.
Berliner Erfassungen zeigen einen ungewöhnlich starken Einbruch
Die Zahl von 190.000 Brutpaaren aus dem Jahr 2021 war keine vollständige Zählung aller Berliner Spatzen. Die BOA leitete den damaligen Gesamtbestand aus Erfassungen auf knapp 50 Probeflächen ab. Solche Hochrechnungen ermöglichen eine Schätzung für das gesamte Stadtgebiet, bleiben aber methodisch von einer flächendeckenden Bestandsaufnahme zu unterscheiden.
Böhner beziffert die Abnahme gegenüber diesem Ausgangswert inzwischen auf rund 70 Prozent. Das würde rechnerisch bedeuten, dass nur noch ungefähr 30 Prozent des für 2021 geschätzten Bestandes vorhanden sind. Eine aktuelle absolute Zahl der Brutpaare wurde allerdings nicht veröffentlicht.
Unabhängig davon dokumentiert der NABU Berlin ebenfalls eine auffällige Entwicklung. Bei der „Stunde der Gartenvögel“ vom 8. bis 12. Mai 2026 wurden 38 Prozent weniger Haussperlinge gesichtet als im Vorjahr. Bereits 2025 hatte die Zählung ein Minus von 28 Prozent ergeben. Der Haussperling wurde 2026 nur noch in ungefähr jedem zweiten beteiligten Berliner Garten beobachtet. 2025 waren es noch zwei Drittel, 2024 drei Viertel der Gärten.
An der Berliner Aktion beteiligten sich 1.685 Menschen. Sie meldeten insgesamt 27.528 Vögel verschiedener Arten. Die Ergebnisse sind keine wissenschaftliche Vollerhebung des gesamten Bestandes. Wiederkehrende Zählungen nach derselben Methode können jedoch Hinweise auf Bestandsveränderungen liefern.
Übliche Erklärungen reichen offenbar nicht aus
Der Haussperling ist eng an menschliche Siedlungen gebunden. Gebäude bieten Nistplätze, während Grünflächen, Sämereien, Insekten und Lebensmittelreste als Nahrungsquellen dienen. In vielen Städten werden Sanierungen, versiegelte Flächen, der Verlust von Grünanlagen sowie fehlende Nahrung als Belastungen für die Art genannt.
Nach Einschätzung der Berliner Fachleute erklären diese Faktoren den aktuellen Einbruch jedoch nicht vollständig. Nahrungsmangel müsste demnach auch bei anderen verbreiteten Singvogelarten vergleichbare Auswirkungen zeigen. Bei Meisen oder Amseln sei eine ähnlich starke Abnahme aber nicht erkennbar. Auch geeignete Nistplätze seien teilweise vorhanden, blieben jedoch unbesetzt.
Berlin galt lange als Ausnahme unter den deutschen Großstädten. Während Haussperlinge andernorts bereits über längere Zeit zurückgingen, blieb ihr Bestand in der Hauptstadt hoch. Noch 2021 errechnete die BOA mehr als zwei Brutpaare je Hektar im Berliner Stadtgebiet.
Vogelmalaria ist bislang nur eine Hypothese
Böhner hält angesichts des Tempos der Entwicklung eine Erkrankung für denkbar. Als mögliche Erklärung nennt er unter anderem Vogelmalaria. Sie wird durch einzellige Parasiten der Gattung Plasmodium verursacht und über Stechmücken übertragen. Die Erreger können die körperliche Verfassung und damit die Überlebenschancen infizierter Vögel beeinträchtigen. Für Menschen ist diese Form der Malaria ungefährlich.
Einen Nachweis, dass Vogelmalaria für den Spatzenrückgang in Berlin verantwortlich ist, gibt es bislang nicht. Eine entsprechende Untersuchung für die Hauptstadt ist nach den veröffentlichten Angaben erst angedacht.
Anhaltspunkte liefert eine 2019 veröffentlichte Untersuchung aus dem Großraum London. Forschende fanden Plasmodium relictum bei durchschnittlich 74 Prozent der untersuchten Haussperlinge. Eine höhere Parasitenbelastung hing in der Studie mit geringeren Überlebensraten und einer ungünstigeren Bestandsentwicklung zusammen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass in Berlin dieselbe Ursache vorliegt.
Höhere Temperaturen können die Entwicklung bestimmter Krankheitserreger und ihrer Überträger begünstigen. Ob der Klimawandel auf diesem Weg zum Berliner Spatzenrückgang beiträgt, ist ohne Untersuchungen an hiesigen Vögeln nicht belastbar zu beantworten.
Die Zählmethoden erfassen unterschiedliche Größen
Bei der Bewertung der Zahlen müssen zwei Datenquellen auseinandergehalten werden: Die BOA-Hochrechnung bezieht sich auf den geschätzten Brutbestand im gesamten Stadtgebiet. Bei der „Stunde der Gartenvögel“ melden Bürgerinnen und Bürger dagegen die höchste gleichzeitig beobachtete Anzahl einer Vogelart innerhalb einer Stunde.
Wetter, Beteiligung, Beobachtungsorte und die zeitweise Verteilung der Tiere können die Ergebnisse einer Mitmachaktion beeinflussen. Dass mehrere Berliner Zählungen in dieselbe Richtung weisen, verstärkt dennoch den Hinweis auf einen realen Rückgang.
Offene Fragen
- Welche aktuelle absolute Bestandsschätzung ergibt sich für den Haussperling in Berlin?
- Zeigen Untersuchungen an Berliner Vögeln eine erhöhte Belastung durch Plasmodium oder andere Krankheitserreger?
- Sind alle Berliner Bezirke gleichermaßen betroffen oder gibt es lokale Unterschiede?
- Welchen Anteil haben Gebäudesanierungen, Flächenversiegelung, Nahrungsmangel und Wetterextreme?
- Können die kommenden Winter- und Gartenvogelzählungen den starken Abwärtstrend bestätigen?
Die Ursache lässt sich nur durch gezielte Untersuchungen klären. Dazu wären neben wiederholten Bestandserfassungen auch Proben von Berliner Haussperlingen und eine räumliche Auswertung der Rückgänge erforderlich. Bis entsprechende Ergebnisse vorliegen, bleibt Vogelmalaria eine mögliche, aber unbestätigte Erklärung.
Quellen und Transparenz
Primärquelle
- NABU Berlin: „Berliner Spatzenbestände im freien Fall“, veröffentlicht am 26. Mai 2026; Ergebnisse der „Stunde der Gartenvögel“ vom 8. bis 12. Mai 2026.
Wissenschaftliche Veröffentlichung
- Royal Society Open Science: „Avian malaria-mediated population decline of a widespread iconic bird species“, veröffentlicht 2019; Untersuchung von elf Haussperlingskolonien im Großraum London. Die Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres auf Berlin übertragbar.
Ergänzender Medienbericht
- FOCUS online: „Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst“, veröffentlicht am 8. September 2026; enthält die aktuelle Einschätzung des Biologen Jörg Böhner zum Rückgang seit 2021.
🔔 Unabhängiger Journalismus lebt von Reichweite. Folgen Sie auf X, Linkedin oder Instagram und bleiben Sie informiert