Schrottimmobilien: Das Geschäft mit der Not
Schrottimmobilien, Scheinmieter, Sozialgeld: Das Geschäft mit der Not
In sechs Städten Nordrhein-Westfalens kontrollieren Behörden rund 120 auffällige Wohnungen. Im Mittelpunkt stehen Mietwucher, mögliche Scheinanmeldungen und Sozialleistungsmissbrauch. Doch hinter heruntergekommenen Häusern steckt teilweise ein Geschäftsmodell, bei dem nicht nur der Staat verliert sondern vor allem Menschen in prekären Lebenslagen.
Duisburg. Ein marodes Mietshaus, leer stehende Räume, erhebliche Brandschutzprobleme und Menschen, die dort offiziell gemeldet sind, obwohl sie bei einer Kontrolle nicht angetroffen werden.
Was wie ein besonders drastischer Einzelfall wirkt, steht für ein Problem, mit dem Behörden in Nordrhein-Westfalen seit Jahren kämpfen: sogenannte Problem- oder Schrottimmobilien, deren Bewohner teilweise zu überhöhten Preisen untergebracht werden und bei denen gleichzeitig der Verdacht auf Sozialleistungsmissbrauch, Schwarzarbeit oder fingierte Beschäftigungsverhältnisse besteht.
Am Donnerstag, 24. September, kontrollierten mehr als 100 Beschäftigte verschiedener Behörden rund 120 auffällige Wohneinheiten in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Krefeld und Velbert. Geprüft wurden Wohnzustände, Mietverhältnisse, Meldedaten und mögliche Auffälligkeiten beim Bezug von Sozialleistungen.
Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch nicht an der Wohnungstür.
Sie beginnt bei der Frage, wie sich mit heruntergekommenen Immobilien überhaupt Geld verdienen lässt.
Wenn schlechte Wohnungen besonders lukrativ werden
Das mögliche Geschäftsmodell folgt nach Erkenntnissen der Behörden einem auffälligen Muster.
Menschen in wirtschaftlich schwieriger Lage – häufig Zuwanderer aus anderen EU-Staaten werden in Immobilien untergebracht, deren baulicher Zustand teilweise erheblich mangelhaft ist. Gleichzeitig können Mieten verlangt werden, die mit Zustand und tatsächlichem Wert des Wohnraums kaum noch zusammenpassen.
Werden Unterkunftskosten über Sozialleistungen finanziert, entsteht für Vermieter eine vergleichsweise verlässliche Einnahmequelle.
Bei einer landesweiten Kontrollaktion im März 2026 registrierten die Behörden 42 mögliche Fälle von Mietwucher. Bei mehr als 203 Personen bestand zudem der Verdacht auf einen unrechtmäßigen Bürgergeldbezug.
Besonders auffällig: In einem überprüften Fall wurden nach Angaben des WDR 42 Euro Miete pro Quadratmeter verlangt.
Das zeigt die ökonomische Logik des Systems: Eine Immobilie muss weder hochwertig noch modernisiert sein, wenn für die darin vermieteten Räume trotzdem ungewöhnlich hohe Beträge erzielt werden können.
Aus einem Gebäude, in das kaum investiert wird, kann so eine erhebliche Einnahmequelle werden.
Der zweite Hebel: Menschen, die möglicherweise gar nicht dort wohnen
Noch schwieriger wird die Kontrolle, wenn Melderegister und tatsächliche Wohnverhältnisse auseinanderfallen.
Bei den jüngsten Kontrollen untersuchen die Behörden deshalb ausdrücklich, ob Personen an Adressen gemeldet sind, an denen sie tatsächlich nicht leben.
Genau hier entsteht eine zentrale Schwachstelle: Ein Melderegister dokumentiert zunächst eine Anmeldung nicht automatisch, ob die betreffende Person dauerhaft tatsächlich in der Wohnung lebt.
Der WDR berichtet, dass die Behörden deshalb inzwischen Daten der Bundesagentur für Arbeit stärker einbeziehen. Auffällig werden beispielsweise Immobilien mit ungewöhnlich vielen Leistungsempfängern, nicht plausiblen Mietzahlungen oder ungewöhnlichen Häufungen bestimmter Leistungsbezüge.
In einem von BILD dokumentierten Duisburger Haus waren nach Behördenangaben 18 Personen aus Rumänien gemeldet. Eine sechsköpfige Familie, die dort registriert war, wurde bei der Kontrolle nicht angetroffen; die mutmaßliche Wohnung stand nach dem Bericht leer. Gleichzeitig trafen die Behörden zwölf andere Personen im Gebäude an, von denen wiederum ein Teil dort nicht gemeldet gewesen sein soll.
Ob daraus tatsächlich Sozialleistungsbetrug folgt, müssen die zuständigen Behörden im jeweiligen Einzelfall feststellen.
Der Befund zeigt aber, weshalb der Abgleich verschiedener Register eine zunehmend große Rolle spielt.
Schrottimmobilie, Arbeitsvertrag und Sozialleistung können zusammengehören
Die Strukturen reichen teilweise noch weiter.
Schon frühere Kontrollaktionen lieferten Hinweise darauf, dass Eigentümer oder Hintermänner nicht ausschließlich als Vermieter auftreten.
Nach Angaben der nordrhein-westfälischen Landesregierung wurden bei einer Aktion im Januar 2025 neben 101 Wohneinheiten auch Arbeitgeber überprüft, bei denen der Verdacht auf Scheinarbeitsverhältnisse bestand.
Dabei wurden 26 Verdachtsfälle auf Verstöße gegen das Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz festgestellt. Aus den Ermittlungen entwickelte sich unter anderem ein strafrechtliches Verfahren gegen einen mutmaßlichen Scheinarbeitgeber, das bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Organisierte Kriminalität und Vermögensabschöpfung in Bochum geführt wurde.
Damit entsteht ein Kreislauf, den die Behörden inzwischen gezielt aufzubrechen versuchen:
Wohnung – Arbeitsverhältnis – Leistungsbezug – Mietzahlung.
Wer mehrere Teile dieses Kreislaufs kontrolliert, kann theoretisch mehrfach profitieren.
Das erklärt auch, weshalb Landesregierung, Kommunen, Jobcenter, Bundesagentur für Arbeit, Zoll und Polizei zunehmend gemeinsam vorgehen.
Die Bewohner sind nicht automatisch die Täter
Gerade bei diesem Thema ist eine Unterscheidung notwendig.
Nicht jeder Bewohner einer Problemimmobilie ist Beteiligter eines Sozialbetrugs.
Behörden und Bundesregierung weisen ausdrücklich darauf hin, dass Menschen in solchen Strukturen selbst Opfer von Arbeitsausbeutung, Menschenhandel oder ausbeuterischen Wohnverhältnissen sein können. Die Bundesregierung will deshalb sowohl Missbrauch konsequenter verfolgen als auch Beratungs- und Hilfsangebote für Betroffene ausbauen.
Das macht die Bekämpfung kompliziert.
Denn dieselbe Person kann Sozialleistungen beziehen und gleichzeitig von einem Vermieter oder Arbeitgeber wirtschaftlich abhängig sein.
Der entscheidende Blick richtet sich deshalb zunehmend auf die Hintermänner und Geldströme.
Die Behörden setzen inzwischen auf Daten statt Zufallsfunde
Bei früheren Einsätzen mussten viele Auffälligkeiten erst vor Ort erkannt und anschließend zwischen Behörden abgeglichen werden.
Inzwischen soll das systematischer funktionieren.
Bei der aktuellen Aktion beteiligt sich nach Angaben des WDR erstmals auch ein Datenanalyse-Team der Bundesagentur für Arbeit unmittelbar an den Kontrollen. Untersucht werden unter anderem Minijobs, Leistungsbezüge, Mietzahlungen und ungewöhnliche Häufungen von Anmeldungen an einzelnen Adressen.
Die Bundesregierung hat parallel am 23. September einen Zehn-Punkte-Aktionsplan gegen Sozialleistungsmissbrauch und Ausbeutung beschlossen.
Vorgesehen sind unter anderem ein erleichterter Datenaustausch zwischen Behörden, stärkere Instrumente gegen Schrottimmobilien, eine bessere strafrechtliche Verfolgung organisierter Hintermänner sowie zusätzliche Maßnahmen gegen Schwarzarbeit und missbräuchliche Beschäftigungsverhältnisse.
Damit verschiebt sich der Ansatz.
Es geht nicht mehr nur darum, eine einzelne verdreckte Wohnung zu schließen.
Es geht darum, herauszufinden, wer mit diesen Wohnungen Geld verdient und wie dieses Geld fließt.
NRW kontrolliert seit Jahren das Problem verschwindet trotzdem nicht
Dass die Behörden immer wieder auf ähnliche Strukturen stoßen, zeigt, wie dauerhaft das Problem ist.
Im Januar 2025 kontrollierten Behörden in fünf NRW-Städten 101 Wohneinheiten. Mehr als hundert Personen wurden anschließend von Amts wegen abgemeldet; mehrere Wohnungen durften wegen lebensgefährlicher Mängel nicht mehr genutzt werden.
Im September 2025 folgten Kontrollen von weiteren 146 Wohneinheiten in sieben Städten. Ziel war ausdrücklich, Hinweise auf Strukturen zu finden, die Einnahmen aus Problemimmobilien durch die Ausnutzung des Sozialleistungssystems erzielen.
Im März 2026 wurden rund 250 Wohnungen in zwölf Städten kontrolliert.
Im Juli folgten mehr als 250 Wohneinheiten in elf Städten.
Und jetzt stehen erneut rund 120 Wohnungen im Fokus.
Das Problem besteht damit offenbar nicht aus einigen wenigen Häusern.
Es ist strukturell.
Ein Haus in Duisburg zeigt, wohin das führen kann
Bei einem der am Donnerstag kontrollierten Häuser in Duisburg griffen die Behörden unmittelbar ein.
Nach Prüfung durch Feuerwehr und Gebäudeexperten wurde das Gebäude wegen Gefahren für Leib und Leben geschlossen. Als Gründe wurden unter anderem ein zugestellter Keller, marode Bausubstanz und erhebliche Brandschutzprobleme genannt.
Für die dort lebenden Menschen bedeutet eine solche Entscheidung zunächst etwas sehr Konkretes: Sie verlieren ihre Wohnung.
Die Stadt muss gegebenenfalls Ersatzunterkünfte bereitstellen.
Der mögliche wirtschaftliche Profiteur eines solchen Systems kann dagegen weit entfernt sitzen.
Das ist einer der Gründe, warum der Kampf gegen Schrottimmobilien so schwierig ist: Die sichtbaren Folgen befinden sich im Haus. Die wirtschaftlichen Strukturen dahinter häufig nicht.
Was jetzt zählt
Die endgültigen Ergebnisse der Kontrollaktion vom 24. September lagen am frühen Freitagmorgen noch nicht vor. Die Behörden hatten eine Bilanz für Freitag angekündigt.
Entscheidend wird deshalb nicht allein sein, wie viele Wohnungen beanstandet wurden.
Interessanter sind drei andere Fragen:
Wie viele Meldedaten stimmen nicht mit den tatsächlichen Bewohnern überein?
Wie viele Mietzahlungen erscheinen wirtschaftlich nicht plausibel?
Und lassen sich hinter einzelnen Immobilien Eigentümer-, Arbeitgeber- oder Zahlungsstrukturen erkennen, die mehrere Fälle miteinander verbinden?
Denn erst dann wird aus einer Kontrolle heruntergekommener Häuser eine Untersuchung des Geschäftsmodells dahinter.
Quellen: WDR, Landtag Nordrhein-Westfalen, Bundesregierung sowie BILD; eigene journalistische Einordnung. Recherche-Stand: 25. September 2026.
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