Die BVG antwortete schneller, als die S-Bahn fuhr
Wer auf die S-Bahn angewiesen ist: Wie viel Verspätung muss man einplanen?
Wie viel Lebenszeit sollen Fahrgäste vorsorglich einplanen, weil sie damit rechnen müssen, dass ihre S-Bahn nicht wie vorgesehen fährt?
Berlin. Wer morgens in Berlin auf die S-Bahn angewiesen ist, steht vor einer unangenehmen Frage: Wie viel Zeit muss man inzwischen zusätzlich einplanen, um einigermaßen sicher pünktlich anzukommen?
Eine Stunde? Anderthalb Stunden? Oder sollte man bei einem wichtigen Termin grundsätzlich damit rechnen, dass der Fahrplan im entscheidenden Moment nicht mehr trägt?
Eine von Presse.Online am 19. August 2026 dokumentierte Fahrt liefert darauf keine beruhigende Antwort. Für einen vergleichsweise kurzen Weg innerhalb Berlins war mehr als eine Stunde Zeit eingeplant. Sie reichte nicht.
Mehr als eine Stunde für einen kurzen Weg durch Berlin
Die Fahrt begann am frühen Morgen. Das Ziel sollte mit erheblichem Zeitpuffer erreicht werden. Die Kalkulation war bewusst großzügig: Selbst kleinere Verspätungen oder ein ausgefallener Zug sollten aufgefangen werden können.
Doch zunächst fiel eine Verbindung aus.
Dann stand ein Zug längere Zeit in Charlottenburg.
Schließlich ging es nicht wie erwartet weiter. Stattdessen fuhr der Zug zurück.
Parallel zeigte die Verbindungsauskunft weitere Ausfälle. Auf den von Presse.Online gesicherten Screenshots werden unter anderem Verbindungen der Linien S7, S5, S75 und S3 als ausgefallen angezeigt.
Für einen kurzen innerstädtischen Weg wurde damit selbst ein Zeitfenster von mehr als einer Stunde zu knapp.
Inzwischen bestätigt die Deutsche Bahn erhebliche Einschränkungen auf der Stadtbahn an diesem Morgen. Nach Angaben eines Bahnsprechers waren defekte Weichen im Bereich Charlottenburg und eine Signalstörung am Savignyplatz die Ursache.
Vorübergehend konnte demnach lediglich die S3 im 20-Minuten-Takt und mit größeren Verspätungen sowie Teilausfällen über die gesamte Stadtbahn verkehren.
Die S5 fuhr nach Angaben der Bahn nur zwischen Strausberg Nord beziehungsweise Hoppegarten und Warschauer Straße. Die S7 verkehrte zwischen Ahrensfelde und Zoologischer Garten sowie zwischen Grunewald beziehungsweise Charlottenburg und Potsdam. Die S75 fuhr lediglich zwischen Wartenberg und Lichtenberg.
Die von Presse.Online am Morgen dokumentierten Ausfälle waren damit Teil einer größeren Betriebsstörung.
Genau darin liegt das Problem für Fahrgäste. Nicht jeder kann beliebig später ankommen. Menschen müssen zur Arbeit, zu Arztterminen, zu Prüfungen, zum Flughafen oder zu Anschlüssen im Fernverkehr. Eltern müssen Kinder pünktlich bringen oder abholen. Termine beginnen zu einer bestimmten Uhrzeit.
Wer dafür öffentliche Verkehrsmittel nutzt, muss planen können.
Wie viel Puffer sollen Fahrgäste noch einrechnen?
Natürlich können technische Störungen auftreten. Kein Verkehrsunternehmen kann garantieren, dass jede einzelne Fahrt an jedem Tag exakt nach Fahrplan verläuft.
Doch für Fahrgäste stellt sich eine andere, sehr praktische Frage: Welcher Zeitpuffer ist noch zumutbar?
Zehn oder zwanzig Minuten zusätzlich einzuplanen, gehört bei einem wichtigen Termin für viele Menschen ohnehin zur normalen Vorsicht. Auch eine halbe Stunde Reserve kann sinnvoll sein.
Aber wenn selbst mehr als eine Stunde für einen kurzen Weg innerhalb Berlins nicht genügt, verliert der Fahrplan einen Teil seiner Funktion als verlässliche Planungsgrundlage.
Das Problem ist dabei nicht allein die Verspätung eines einzelnen Zuges. Der 19. August zeigt, wie mehrere Faktoren zusammenkommen können: Eine Verbindung fällt aus, die nächste kommt nicht voran, ein Zug fährt nicht wie erwartet weiter – und aus einigen Minuten werden erhebliche Verzögerungen.
Für den einzelnen Fahrgast zählt am Ende nur das Ergebnis: Komme ich zu der Zeit an, mit der ich aufgrund des Fahrplans rechnen durfte – oder nicht?
Die S-Bahn gehört zur Deutschen Bahn
Die Berliner S-Bahn wird nicht von den Berliner Verkehrsbetrieben betrieben. Die S-Bahn Berlin GmbH gehört über die DB Regio AG zum Deutsche-Bahn-Konzern.
Das dürfte im Alltag längst nicht jedem Fahrgast bewusst sein. U-Bahn, Bus, Straßenbahn und S-Bahn erscheinen auf dem Weg durch Berlin als Teile eines zusammenhängenden öffentlichen Verkehrssystems. Unternehmensrechtlich sind BVG und S-Bahn Berlin jedoch getrennt.
Presse.Online schickte seine Fragen zu den Problemen am Morgen des 19. August zunächst irrtümlich an die BVG.
Und genau daraus entstand die bemerkenswerteste Pointe dieses Morgens.
Die BVG antwortete schneller, als die S-Bahn fuhr
Obwohl die BVG für die S-Bahn überhaupt nicht zuständig war, kam die Antwort schnell.
BVG-Pressesprecher Markus Falkner erklärte freundlich und unmissverständlich, dass die Anfrage an der falschen Adresse gelandet sei. Die S-Bahn Berlin gehöre nicht zur BVG, sondern zur Deutschen Bahn. Gleichzeitig verwies die BVG auf die zuständige Pressestelle.
Zwischen der Anfrage und der Antwort lag rund eine Stunde.
Das ist erwähnenswert, weil die BVG mit dem eigentlichen Vorgang nichts zu tun hatte. Trotzdem reagierte ihre Pressestelle, erklärte die Zuständigkeit und half weiter.
Die BVG antwortete damit schneller, als die S-Bahn an diesem Morgen ihr Ziel erreichte.
Die Anfrage wurde anschließend an die für die S-Bahn zuständige Kommunikation der Deutschen Bahn weitergeleitet. Inzwischen liegt auch deren Stellungnahme vor.
Deutsche Bahn nennt defekte Weichen und Signalstörung als Ursache
Die Deutsche Bahn entschuldigt sich für die Verspätungen und deren Folgen.
„Erst einmal bitten wir um Entschuldigung für die Verspätung mit den daraus resultierenden Folgen“, erklärt ein Bahnsprecher gegenüber Presse.Online.
Als Ursache nennt die Bahn die Kombination aus defekten Weichen im Bereich Charlottenburg und einer Signalstörung am Savignyplatz.
Die erheblichen Einschränkungen bei S3, S5, S7 und S75 seien die Folge dieser technischen Probleme gewesen. Die Bahn bedauere, dass Fahrgäste von der Störung und den großen Verspätungen betroffen waren.
Damit beantwortet die Deutsche Bahn einen wesentlichen Teil der Presse.Online-Anfrage: Die Ursache der Störungen ist geklärt und auch das Ausmaß der Einschränkungen wird konkret beschrieben.
Eine andere Frage bleibt jedoch unbeantwortet.
Presse.Online hatte die Bahn ausdrücklich gefragt, wie sie eine Situation bewertet, in der selbst ein Zeitpuffer von mehr als einer Stunde nicht ausreicht, um einen wichtigen Anschluss innerhalb Berlins zuverlässig zu erreichen.
Eine konkrete Antwort darauf enthält die Stellungnahme nicht.
Fahrgastrechte helfen, aber nicht beim Zeitproblem
Für Verspätungsfälle verweist die Deutsche Bahn auf die gesetzlichen Fahrgastrechte.
Das kann bei bestimmten Verspätungen und ausgefallenen Verbindungen finanzielle Ansprüche begründen. Die Fahrgastrechte lösen allerdings ein anderes Problem nicht: verlorene Zeit und verpasste Termine lassen sich nicht nachträglich erstatten.
Wer morgens zu einem festen Zeitpunkt am Arbeitsplatz sein muss, einen Arzttermin, eine Prüfung oder einen anderen zeitkritischen Termin hat, benötigt vor allem eine halbwegs belastbare Antwort auf die Frage, wann er losfahren sollte.
Und genau diese Antwort gibt es für einen Störungsfall wie am 19. August nicht.
Wer auf die S-Bahn angewiesen ist, trägt das Zeitrisiko
Ein einzelner Morgen beweist nicht, dass die Berliner S-Bahn generell unzuverlässig ist. Eine solche Schlussfolgerung wäre aus einem einzelnen dokumentierten Vorgang nicht belastbar.
Der Fall zeigt jedoch sehr anschaulich das Problem aus Sicht der Fahrgäste: Das Risiko einer größeren Störung lässt sich kaum sinnvoll einkalkulieren, wenn selbst ein außergewöhnlich großer Zeitpuffer nicht genügt.
Wer fünf Minuten Reserve einplant und zu spät kommt, hat möglicherweise zu knapp kalkuliert.
Wer zehn Minuten einplant, ebenfalls.
Bei einer halben Stunde lässt sich bereits darüber diskutieren.
Doch wie lautet die Antwort bei mehr als einer Stunde für einen kurzen Weg innerhalb einer Stadt?
Die Deutsche Bahn kann technische Defekte nicht vollständig ausschließen. Fahrgäste können aber ebenso wenig ihren gesamten Alltag um mögliche Weichen- und Signalstörungen herum planen.
Genau hier wird aus persönlichem Ärger eine Frage von öffentlichem Interesse. Ein Nahverkehrssystem erfüllt seine Funktion nicht allein dadurch, dass Züge grundsätzlich fahren. Für die Menschen, die es täglich nutzen, muss es auch ausreichend berechenbar sein.
Sie müssen zur Arbeit. Sie haben Termine. Sie müssen andere Verkehrsmittel erreichen. Und nicht jeder kann für jede einzelne Fahrt vorsorglich eine zusätzliche Stunde einkalkulieren.
Die Bahn hat inzwischen erklärt, warum es am 19. August zu den massiven Problemen kam.
Offen bleibt die Frage, die für Fahrgäste mindestens ebenso relevant ist:
Wie viel Lebenszeit sollen sie vorsorglich einplanen, weil sie damit rechnen müssen, dass ihre S-Bahn nicht wie vorgesehen fährt?
Quellen und Transparenz
Grundlage dieses Beitrags ist eine von Presse.Online selbst dokumentierte Fahrt am 19. August 2026. Der Redaktion liegen Fotos, Screenshots der Verbindungsauskunft sowie weitere Unterlagen zum Reiseverlauf vor.
Die schriftliche Antwort der BVG-Pressestelle liegt Presse.Online vor. Die BVG stellte darin klar, dass sie nicht Betreiberin der S-Bahn Berlin ist, und verwies auf die zuständige Pressestelle.
Die Deutsche Bahn beantwortete die anschließend weitergeleitete Presseanfrage und nannte defekte Weichen im Bereich Charlottenburg sowie eine Signalstörung am Savignyplatz als Ursachen der Einschränkungen. Sie entschuldigte sich für die Verspätung und die daraus resultierenden Folgen.
Aussagen der Deutschen Bahn werden entsprechend der Bitte der Pressestelle in diesem Beitrag dem „Bahnsprecher“ und nicht einer einzelnen Person zugeschrieben.