Hinrichtung scheitert: Christa Pike lebt
Hinrichtung scheitert: Christa Pike überlebt Giftspritze
Tennessee wollte erstmals seit mehr als 200 Jahren eine Frau hinrichten. Doch Christa Pike starb auch nach zwei Dosen Pentobarbital nicht. Rettungskräfte brachten die 50-Jährige in ein Krankenhaus. Gouverneur Bill Lee stoppte daraufhin weitere Hinrichtungen und ordnete eine unabhängige Untersuchung an.
Es sollte eine historische Hinrichtung werden. Stattdessen endete der Versuch im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville mit einem medizinischen Notfall.
Christa Gail Pike, die einzige Frau im Todestrakt des US-Bundesstaates Tennessee, sollte am 30. September 2026 wegen des Mordes an der damals 19-jährigen Colleen Slemmer hingerichtet werden. Die 50-Jährige erhielt nach Angaben ihrer Anwälte zwei Dosen des Hinrichtungsmittels Pentobarbital. Doch Pike starb nicht. Sie atmete weiter und wurde schließlich mit einem Rettungswagen in eine externe medizinische Einrichtung gebracht.
Das Tennessee Department of Correction erklärte noch in der Nacht, sämtliche vorgesehenen Schritte des staatlichen Hinrichtungsprotokolls seien eingehalten worden. Das Protokoll sieht eine zweite Medikamentengabe vor, wenn der Gefangene nach der ersten Dosis noch lebt. Was geschehen soll, wenn auch die zweite Dosis nicht zum Tod führt, ist darin nach Angaben der Associated Press dagegen nicht geregelt.
Pike blieb nach zweiter Dosis am Leben
Medienvertreter, die die Hinrichtung als offizielle Zeugen beobachteten, berichteten von einem ungewöhnlichen und zunehmend chaotischen Ablauf.
Der Vorhang zur Hinrichtungskammer wurde gegen 19.27 Uhr Ortszeit geöffnet. Pike lag auf einer Liege fixiert. Sie blieb zunächst ansprechbar und fragte zeitweise nach Beschwerden an ihrem Arm. Bis 20.26 Uhr war nach Angaben der Zeugen auch die zweite Pentobarbital-Dosis verabreicht worden. Trotzdem waren anschließend weiterhin Atemgeräusche zu hören. Um 20.53 Uhr wurde die Tonübertragung beendet und die anwesenden Journalisten wurden aus dem Bereich geführt.
Ihre Anwälte wandten sich noch während des Hinrichtungsversuchs an Gerichte und beantragten dessen sofortigen Abbruch. Sie erklärten, Pike habe auch nach der Verabreichung beider Spritzen noch einen Herzschlag gehabt und hörbar geatmet beziehungsweise geschnarcht. Reuters berichtet ebenfalls von Atemgeräuschen, Keuchen und Beschwerden über den Arm.
Wenig später traf ein Rettungswagen am Gefängnis ein.
Die Justizvollzugsbehörde bestätigte anschließend, dass Pike nicht für tot erklärt worden war und in eine medizinische Einrichtung gebracht wurde. Über ihren aktuellen Gesundheitszustand lagen zunächst keine detaillierten Angaben vor.
Gouverneur stoppt weitere Hinrichtungen
Der gescheiterte Versuch hat unmittelbare Konsequenzen.
Tennessees Gouverneur Bill Lee ordnete nach dem Vorfall eine umfassende unabhängige Untersuchung des Ablaufs an. Eine weitere für 2026 vorgesehene Hinrichtung soll zunächst nicht stattfinden.
Damit muss der Bundesstaat nun klären, weshalb zwei Dosen des für die Hinrichtung vorgesehenen Pentobarbitals Pike nicht töteten und ob das Verfahren tatsächlich entsprechend dem bestehenden Protokoll durchgeführt wurde.
Besonders problematisch ist dabei eine Lücke im Ablaufplan: Nach der ersten Dosis kann eine zweite verabreicht werden. Einen weiteren Schritt für den Fall, dass der Gefangene anschließend weiterhin lebt, sieht das Protokoll offenbar nicht vor.
Für Tennessee ist es bereits der zweite abgebrochene Hinrichtungsversuch innerhalb weniger Monate. Im Mai 2026 konnte bei dem zum Tode verurteilten Tony Carruthers nach längeren Versuchen kein geeigneter intravenöser Zugang gelegt werden. Die Hinrichtung wurde daraufhin abgebrochen.
Supreme Court hatte Hinrichtung wenige Stunden zuvor ermöglicht
Dabei hatte die Hinrichtung Pikes am selben Tag bereits einmal auf der Kippe gestanden.
Der zuständige 6th U.S. Circuit Court of Appeals stoppte die Vollstreckung zunächst. Das Gericht wollte prüfen, ob Einwände Pikes hinsichtlich ihres früheren Strafverfahrens ausreichend berücksichtigt worden waren.
Tennessee wandte sich daraufhin an den Supreme Court.
Das Oberste Gericht hob den Aufschub noch am 30. September auf und machte damit den Weg für die Hinrichtung frei. Die Entscheidung fiel gegen die Stimmen der Richterinnen Sonia Sotomayor, Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson.
Sotomayor kritisierte in ihrer abweichenden Stellungnahme insbesondere, dass die Hinrichtung vollzogen werden sollte, obwohl Rechtsfragen noch nicht abschließend geprüft worden seien. Sie bezeichnete die Entscheidung der Mehrheit, den Aufschub aufzuheben, als überraschend und verwies auf die irreversiblen Folgen einer möglichen Fehlentscheidung.
Ein Mordfall aus dem Jahr 1995
Pike war 18 Jahre alt, als Colleen Slemmer im Januar 1995 getötet wurde.
Nach den Feststellungen der Strafjustiz lockten Pike, ihr damals 17-jähriger Freund Tadaryl Shipp und eine weitere Beteiligte die 19-Jährige in ein abgelegenes Gebiet in Knoxville. Dort wurde Slemmer geschlagen, geschnitten und getötet. Pike wurde wegen Mordes ersten Grades zum Tode verurteilt. Shipp erhielt aufgrund seines damaligen Alters eine lebenslange Freiheitsstrafe mit späterer Möglichkeit auf Bewährung.
Der Fall sorgte schon damals wegen der außergewöhnlichen Brutalität der Tat und eines in den Körper des Opfers eingeritzten Pentagramms für große öffentliche Aufmerksamkeit.
Pike hat ihre Beteiligung an dem Mord nicht bestritten.
Streit über Pikes Kindheit und psychische Erkrankungen
Im Mittelpunkt ihrer letzten Rechtsmittel stand deshalb weniger die Frage ihrer Täterschaft als die Frage, ob alle für das Strafmaß maßgeblichen Umstände ausreichend berücksichtigt worden waren.
Pikes Anwälte verwiesen auf schwere körperliche und sexuelle Gewalt, der sie in ihrer Kindheit und Jugend ausgesetzt gewesen sein soll. Später wurden bei ihr unter anderem eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Die Verteidigung argumentierte, diese Vorgeschichte sei im ursprünglichen Verfahren nicht angemessen berücksichtigt worden.
Der Staat Tennessee hielt dagegen, dass die Schwere des Mordes die verhängte Todesstrafe rechtfertige. Gouverneur Lee hatte Pikes Begnadigungsgesuch zwei Tage vor der geplanten Vollstreckung abgelehnt.
Auch die Familie des Opfers sprach sich gegen eine Umwandlung der Strafe aus. Colleen Slemmers Mutter May Martinez hatte öffentlich erklärt, seit Jahrzehnten auf die Vollstreckung des Todesurteils zu warten.
Der Fall stellt Tennessee vor ein neues rechtliches Problem
Nach dem gescheiterten Hinrichtungsversuch ist unklar, wie es mit Pike weitergeht.
Der Bundesstaat kann nicht einfach unmittelbar einen weiteren Hinrichtungsversuch beginnen. Neben der angeordneten Untersuchung dürfte nun auch gerichtlich geklärt werden, welche Bedeutung das Erlebte für einen möglichen neuen Vollstreckungstermin hat.
Pikes Anwälte machen bereits geltend, dass der gescheiterte Versuch und das dabei erlittene Leiden Fragen nach dem im achten Zusatzartikel der US-Verfassung verankerten Verbot grausamer und ungewöhnlicher Strafen aufwerfen.
Tennessee steht damit nicht mehr nur vor der Frage, warum die Hinrichtung technisch scheiterte. Der Staat muss nun auch beantworten, unter welchen rechtlichen und medizinischen Voraussetzungen ein Mensch ein zweites Mal einem Hinrichtungsversuch unterzogen werden könnte.
Einordnung
Der Fall ist außergewöhnlich, weil sich hier drei Ebenen überlagern: die technische Zuverlässigkeit einer Hinrichtungsmethode, verfassungsrechtliche Grenzen staatlicher Strafvollstreckung und ein noch unmittelbar zuvor geführter Streit darüber, ob Pikes Todesurteil vollständig gerichtlich überprüft worden war.
Dabei sollte die Diskussion den ursprünglichen Mord nicht ausblenden. Colleen Slemmer wurde 19 Jahre alt. Pike wurde rechtskräftig wegen ihrer Beteiligung an ihrer Folterung und Tötung verurteilt.
Der gescheiterte Hinrichtungsversuch wirft zugleich eine davon getrennte staatliche Verantwortungsfrage auf: Welche Anforderungen gelten für einen Staat, wenn er eine rechtskräftige Todesstrafe vollstrecken will – und was darf geschehen, wenn die vorgesehene Methode nicht zum Tod führt?
Genau diese Frage dürfte den Fall weit über Tennessee hinaus relevant machen.
FAQ
Ist Christa Pike tot?
Nach dem gescheiterten Hinrichtungsversuch wurde Pike lebend in eine externe medizinische Einrichtung gebracht. Zum Zeitpunkt der jüngsten belastbaren Berichte waren keine detaillierten Angaben zu ihrem Gesundheitszustand veröffentlicht worden.
Wie viele Giftspritzen erhielt sie?
Nach Angaben ihrer Anwälte wurden zwei Dosen beziehungsweise zwei vorgesehene Medikamentensätze mit Pentobarbital verabreicht.
Warum wurde die Hinrichtung nicht fortgesetzt?
Tennessees Protokoll sieht eine zweite Medikamentengabe vor, wenn der Gefangene nach der ersten noch lebt. Für den Fall, dass auch die zweite Gabe nicht zum Tod führt, ist nach AP kein weiterer Schritt festgelegt.
Kann Tennessee Christa Pike erneut hinrichten?
Das ist derzeit nicht abschließend geklärt. Nach dem Vorfall laufen beziehungsweise drohen neue gerichtliche Auseinandersetzungen, zudem hat Gouverneur Bill Lee eine unabhängige Untersuchung angeordnet.
Warum war der Fall historisch?
Pike wäre die erste Frau seit mehr als 200 Jahren gewesen, die der Bundesstaat Tennessee hingerichtet hätte.
Quellen
- Associated Press (AP): Tennessee governor halts executions after Christa Gail Pike survives lethal injection attempt
AP-Bericht zum gescheiterten Hinrichtungsversuch - Reuters: Tennessee death row inmate Christa Pike survives execution attempt
Reuters-Bericht zu Christa Pike - Tennessee Department of Correction: Offizielle Informationen zur geplanten Hinrichtung von Christa Pike
Tennessee Department of Correction - U.S. Supreme Court: Verfahren und Entscheidung im Fall Christa Pike
Supreme Court der Vereinigten Staaten - Death Penalty Information Center: Hintergrund zu Christa Pike, Begnadigungsverfahren und Todesstrafe in Tennessee
Death Penalty Information Center
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