Zuckersteuer: Widerstand aus der Union
Zuckersteuer: Widerstand aus der Union gegen Merz’ Kurs
Berlin. Die geplante Zuckersteuer stößt innerhalb der Union auf Widerstand. Neun Verantwortliche aus den Agrar- und Verbraucherschutzressorts der Länder haben sich mit einem gemeinsamen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz gewandt. Die Forderung ist eindeutig: keine Verbrauchsteuer auf zuckerhaltige Produkte.
Das Schreiben richtet sich nach übereinstimmenden Medienberichten auch an Kanzleramtschefin Nina Warken und Unionsfraktionschef Thorsten Frei. BILD veröffentlicht daraus den Satz: „Wir als Ministerinnen und Minister der unionsgeführten Agrarressorts sprechen uns gegen eine Verbrauchssteuer auf zuckerhaltige Produkte aus.“
Der Koalitionsvertrag als Argument gegen die Steuer
Die Ressortchefs begründen ihre Ablehnung mit der vereinbarten Ernährungspolitik von CDU, CSU und SPD. Tatsächlich heißt es im Kapitel „Umwelt und Ernährung“ des Koalitionsvertrags: „Wir setzen vor allem auf Freiwilligkeit, Anreize und Eigenverantwortung“.
Damit ist der politische Bezug des Briefes nachvollziehbar. Ein ausdrückliches Verbot einer Zuckersteuer enthält diese Passage jedoch nicht. Ob die geplante Abgabe dem Vertrag widerspricht, ist eine politische Bewertung der Unterzeichner.
Für Merz entsteht daraus ein Konflikt in den eigenen Reihen: Landesressortchefs der Union stellen sich gegen ein Vorhaben der Bundesregierung. Ihr Einwand betrifft bereits die grundsätzliche Frage, ob der Staat den Zuckerkonsum über eine zusätzliche Steuer beeinflussen sollte.
Warnung vor Belastungen für Verbraucher und Landwirtschaft
Nach dem von WELT veröffentlichten dpa-Bericht warnen die Unterzeichner vor höheren Belastungen beim Lebensmittelkauf und sinkenden Erlösen in der Landwirtschaft. Sie bevorzugen Ernährungsbildung und freiwillige Zuckerreduktion. Zum Kreis gehören Ressortverantwortliche aus acht Flächenländern sowie Berlins Verbraucherschutzsenatorin. Die Bezeichnung „neun Agrarminister“ verkürzt damit die Zusammensetzung.
Die wirtschaftlichen Folgen einer Steuer hängen allerdings von ihrer Ausgestaltung ab. Ohne abschließend gesicherte Regeln lässt sich aus dem Brief weder ein konkreter Preisaufschlag im Supermarkt noch ein bestimmter Einkommensverlust für landwirtschaftliche Betriebe ableiten.
Was die Forschung zum möglichen Nutzen sagt
Die Ablehnung der Minister beantwortet auch die Frage nach dem gesundheitlichen Nutzen nicht abschließend. Eine 2023 veröffentlichte Simulationsstudie der Technischen Universität München und der Universität Liverpool untersuchte verschiedene Modelle einer Softdrink-Besteuerung in Deutschland.
Für eine gestaffelte Herstellerabgabe errechnete das Forschungsteam über den Zeitraum 2023 bis 2043 volkswirtschaftliche Einsparungen von rund 16 Milliarden Euro. Etwa vier Milliarden Euro davon entfielen auf Gesundheitskosten. Im Modell sank die Zahl der Erkrankungen, darunter Typ-2-Diabetes.
Das sind berechnete Szenarien, keine bereits erzielten Einsparungen. Sie lassen sich auch nicht unmittelbar auf einen späteren deutschen Gesetzentwurf übertragen. Die Untersuchung zeigt aber, warum eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe gesundheitspolitisch diskutiert wird: Sie kann Herstellern einen Anreiz geben, ihre Rezepturen zu ändern.
Steuerpläne und Brief müssen getrennt betrachtet werden
Die Forderung der Minister umfasst zuckerhaltige Produkte allgemein. Die aktuell diskutierten Steuerpläne betreffen nach den vorliegenden Berichten dagegen Getränke. Daraus folgt keine bestätigte Steuer auf sämtliche Süßwaren oder Lebensmittel mit Zucker.
Bei den Einzelheiten ist Vorsicht nötig. Medienberichte nennen unterschiedliche Produktionsgrenzen und Fassungen der Pläne. Verlässliche Angaben zur endgültigen Ausgestaltung lassen sich daraus nicht ableiten. Der Brief dokumentiert den Widerstand der Landesressortchefs; einen verbindlichen Beschluss über das Ende oder die Einführung der Steuer ersetzt er nicht.
Quellen und Transparenz
- BILD, 11. Oktober 2026: Bericht über den Brief mit Auszügen aus dem Schreiben.
- WELT/dpa, 11. Oktober 2026: ergänzende Angaben zu Unterzeichnern und Begründung.
- Koalitionsvertrag „Verantwortung für Deutschland“: Kapitel „Umwelt und Ernährung“.
- Technische Universität München, 21. November 2023: Mitteilung zur Simulationsstudie.
Grundlage der Berichterstattung über das Schreiben sind die genannten ergänzenden Medienberichte. Konkrete Steuersätze, Produktionsgrenzen und Preisaufschläge werden wegen widersprüchlicher Angaben nicht übernommen.
🔔 Unabhängiger Journalismus lebt von Reichweite. Folgen Sie auf X, Linkedin oder Instagram und bleiben Sie informiert