Bahn-Notfallplan mit Funkloch-Risiko

Bahn-Notfallplan mit Funkloch-Risiko
Öffentliche Mobilfunknetze sollen den Bahnfunk künftig stärker absichern. Entlang zahlreicher Strecken ist die Netzabdeckung jedoch nicht durchgehend stabil. © Presse.Online

Bahn setzt beim Zugfunk-Notfallplan auf Mobilfunk

Nach dem bundesweiten Zugfunk-Ausfall vom 23. Juni steht die Deutsche Bahn vor einer kritischen Übergangsphase: Das mehr als 20 Jahre alte GSM-R-System muss noch über Jahre funktionieren, während eine wichtige Rückfallebene bereits 2028 verschwindet.

Künftig soll die betriebliche Kommunikation im Notfall stärker über öffentliche Mobilfunknetze und entsprechend ausgestattete mobile Endgeräte abgesichert werden. Doch gerade entlang vieler Bahnstrecken ist der Mobilfunkempfang weiterhin nicht durchgehend stabil.

Was passiert ist

Am Abend des 23. Juni 2026 kam der Zugverkehr in Deutschland zeitweise nahezu vollständig zum Stillstand. Das digitale Bahnfunksystem GSM-R war bundesweit ausgefallen. Über GSM-R kommunizieren unter anderem Triebfahrzeugführer, Fahrdienstleiter und Betriebszentralen miteinander.

Ohne eine verlässliche Funkverbindung kann der Zugbetrieb nicht regulär fortgesetzt werden. Die Bahn hielt deshalb Züge zurück oder ließ sie kontrolliert anhalten. Eine unmittelbare Gefahr für Reisende oder Beschäftigte habe nach Angaben der DB InfraGO nicht bestanden, weil die vorgesehenen Sicherheitsmechanismen gegriffen hätten.

Nach der späteren Analyse wurde der Ausfall durch einen Softwarefehler nach dem planmäßigen Austausch eines sogenannten Switches ausgelöst. Dabei handelt es sich um eine Komponente, die Daten innerhalb eines Netzwerks verteilt.

Das betroffene System hätte eigentlich automatisch auf ein paralleles System umschalten müssen. Die dafür notwendige Fehlermeldung blieb jedoch aus. Erst nachdem ein möglicher Cyberangriff ausgeschlossen worden war, wurde der Wechsel manuell vorgenommen. Gegen 0.30 Uhr funktionierte der Zugfunk wieder.

Warum das relevant ist

Der Vorfall zeigt, wie stark der deutsche Bahnverkehr von einem einzigen Kommunikationssystem abhängt. GSM-R basiert technisch auf dem Mobilfunkstandard GSM beziehungsweise 2G. Das System ist europaweit verbreitet, stammt aber aus einer früheren Mobilfunkgeneration.

Der geplante Nachfolger FRMCS soll auf moderner IP- und 5G-Technik beruhen. Nach Angaben der Bahn wird der vollständige Übergang jedoch Jahre dauern. GSM-R dürfte deshalb noch bis etwa 2035 benötigt werden.

Gleichzeitig gerät eine bestehende Rückfallebene unter Zeitdruck. Bei Problemen mit GSM-R kann die betriebliche Kommunikation bislang über öffentliche GSM-Netze geführt werden. Die DB InfraGO bezeichnet diese Leistung als „National Roaming“.

Doch die drei großen deutschen Mobilfunkanbieter haben angekündigt, ihre öffentlichen 2G-Netze 2028 abzuschalten. Die Telekom plant dies bis Ende Juni 2028, Vodafone im September 2028 und Telefónica bis Ende 2028.

Damit verliert die Bahn eine technisch etablierte Ausweichmöglichkeit, lange bevor der neue Bahnfunk flächendeckend verfügbar sein dürfte.

Was daraus folgt

Die Bahn benötigt eine neue Übergangslösung. Öffentliche LTE- und 5G-Netze sollen künftig den bahneigenen Funk ergänzen und bei Störungen als Rückfallebene dienen. Im Rahmen des Projekts 5G-RACOM wurden bereits hybride Netze erprobt, bei denen mehrere Kommunikationswege gleichzeitig genutzt werden können.

Dabei kann die Kommunikation über mobile Endgeräte laufen, die technisch eher modernen Smartphones als klassischen Zugfunkgeräten ähneln. Das bedeutet jedoch nicht, dass private Handys von Lokführern den regulären Zugfunk ersetzen sollen.

Für den Bahnbetrieb wären speziell konfigurierte Geräte, priorisierte Verbindungen, eindeutige Funktionsrufnummern und abgesicherte Kommunikationswege notwendig. Die Lösung muss außerdem unter hoher Netzauslastung, in Tunneln, in ländlichen Regionen und bei größeren Störungen zuverlässig funktionieren.

Genau hier liegt das Problem: Ein öffentliches Mobilfunknetz ist nicht automatisch überall dort verfügbar, wo Züge fahren. Funklöcher, schwache Versorgung innerhalb von Fahrzeugen und unterschiedliche Netzqualität entlang der Strecken können eine Rückfallebene unbrauchbar machen.

Ein Notfallsystem erfüllt seinen Zweck nur, wenn es gerade in schwierigen Situationen erreichbar bleibt.

Was noch offen ist

Bislang ist nicht öffentlich umfassend dokumentiert, wie die Bahn die wegfallende 2G-Rückfallebene ab 2028 flächendeckend ersetzen will.

Offen ist insbesondere, ob die Kommunikation künftig gleichzeitig über mehrere Mobilfunkanbieter geführt wird. Ein solcher Ansatz könnte verhindern, dass der Ausfall oder ein Funkloch eines einzelnen Netzes sofort die gesamte Verbindung unterbricht.

Unklar bleibt auch, welche Bahnstrecken bereits ausreichend mit LTE oder 5G versorgt sind und wo zusätzliche Funkanlagen erforderlich wären. Die angekündigte lückenlose 5G-Versorgung der Strecke Hamburg–Berlin zeigt, dass entsprechende Ausbauten möglich sind. Sie verdeutlicht aber zugleich, dass eine solche Qualität im übrigen Netz noch nicht selbstverständlich ist.

Auch für die Umrüstung der Fahrzeuge, die Zulassung neuer Endgeräte und die Finanzierung der Übergangstechnik fehlen bislang öffentlich belastbare Gesamtangaben.

Fazit und Ausblick

Der Zugfunk-Ausfall vom 23. Juni war nicht nur eine außergewöhnliche technische Störung. Er hat eine strukturelle Schwäche sichtbar gemacht: Die Bahn ist noch über Jahre auf ein altes Funksystem angewiesen, während dessen öffentliche Rückfallebene schon 2028 verschwindet.

Moderne Mobilfunknetze können Teil der Lösung sein. Sie werden aber erst dann zu einer belastbaren Notfallreserve, wenn Empfang, Priorisierung, Gerätesicherheit und betriebliche Verfahren auf dem gesamten relevanten Schienennetz gewährleistet sind.

Ausgerechnet dort, wo ein Kommunikationssystem nur selten gebraucht wird, muss es besonders zuverlässig funktionieren.

Faktenüberblick

Thema: Zukunft der Rückfallebene für den digitalen Zugfunk
Ereignis / Entscheidung: Bundesweiter GSM-R-Ausfall und geplante Ablösung der öffentlichen 2G-Rückfallebene
Datum / Zeitraum: Zugfunk-Ausfall am 23. Juni 2026; 2G-Abschaltung im Jahr 2028
Ort / Region: Deutsches Schienennetz
Zentrale Akteure: Deutsche Bahn, DB InfraGO, Mobilfunkanbieter, Eisenbahnunternehmen, Aufsichtsbehörden
Betroffene: Bahnreisende, Triebfahrzeugführer, Fahrdienstleiter und Eisenbahnverkehrsunternehmen
Wichtigste Folge: Die Bahn benötigt vor der 2G-Abschaltung eine neue, flächendeckend verfügbare Rückfallebene
Stand der Informationen: Technische Grundrichtung bekannt; konkrete flächendeckende Umsetzung teilweise offen

Konkrete Folgen auf einen Blick

  • Für Reisende: Bei einem erneuten vollständigen Zugfunk-Ausfall können Züge aus Sicherheitsgründen angehalten werden.
  • Für Bahnunternehmen: Fahrzeuge und Beschäftigte benötigen rechtzeitig geeignete neue Endgeräte und Kommunikationsverfahren.
  • Für Mobilfunkanbieter: Bahnstrecken könnten beim Netzausbau eine stärkere sicherheitsrelevante Bedeutung erhalten.
  • Für den Bund: Die Finanzierung und Koordination der Übergangstechnik könnte zu einer zentralen Infrastrukturaufgabe werden.
  • Für den Bahnbetrieb: Öffentlicher Mobilfunk kann nur dann als Rückfallebene dienen, wenn Verbindungen priorisiert und weitgehend lückenlos verfügbar sind.

Offene Punkte im Überblick

  • Noch offen ist, welches technische System die heutige 2G-Rückfallebene ab 2028 vollständig ersetzt.
  • Unklar bleibt bislang, ob mehrere öffentliche Mobilfunknetze parallel genutzt werden sollen.
  • Weitere belastbare Angaben zur Zahl notwendiger Endgeräte und Fahrzeugumrüstungen liegen bislang nicht vor.
  • Nicht veröffentlicht ist nach aktuellem Stand eine vollständige Karte der für den Bahnbetrieb relevanten LTE- und 5G-Funklücken.
  • Eine abschließende Bewertung der künftigen Rückfalllösung durch Aufsichtsbehörden steht noch aus.

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FAQ

Was ist beim Zugfunk-Ausfall am 23. Juni 2026 passiert?

Ein Softwarefehler nach dem Austausch einer Netzwerkkomponente führte zu einem bundesweiten Ausfall des Bahnfunks GSM-R. Weil die automatische Umschaltung auf ein paralleles System ausblieb, musste der Zugverkehr aus Sicherheitsgründen angehalten werden.

Warum können Züge ohne Zugfunk nicht einfach weiterfahren?

Triebfahrzeugführer und Fahrdienstleiter müssen jederzeit sicherheitsrelevante Informationen austauschen können. Ist diese Kommunikation nicht gewährleistet, darf der reguläre Betrieb nur eingeschränkt oder gar nicht fortgesetzt werden.

Soll der Zugfunk künftig durch normale Handys ersetzt werden?

Nein. Vorgesehen sind technisch abgesicherte mobile Endgeräte und öffentliche Mobilfunknetze als Ergänzung oder Rückfallebene. Private Mobiltelefone können den regulären Bahnfunk nicht ersetzen.

Warum fällt die bisherige Rückfallebene weg?

Die Rückfallebene nutzt unter anderem öffentliche 2G-Netze. Die deutschen Mobilfunkanbieter wollen diese Netze im Laufe des Jahres 2028 abschalten.

Was ist FRMCS?

FRMCS steht für „Future Railway Mobile Communication System“. Der neue europäische Bahnfunkstandard soll langfristig GSM-R ersetzen und moderne 5G- und IP-Technik nutzen.

Was ist das größte Problem der geplanten Mobilfunklösung?

Öffentlicher Mobilfunk ist entlang des Schienennetzes nicht überall gleich zuverlässig verfügbar. Eine Notfalllösung muss jedoch auch in Tunneln, ländlichen Regionen und bei hoher Netzauslastung funktionieren.

Quellen

  • Deutsche Bahn und DB InfraGO: Angaben zum GSM-R-Zugfunk und zur Analyse der Störung vom 23. Juni 2026
  • Bundesnetzagentur: Informationen zur geplanten Abschaltung der deutschen 2G-Mobilfunknetze
  • DB InfraGO: Kundeninformation zur Abschaltung des Telekom-2G-Netzes und zur bisherigen GSM-R-Rückfallebene
  • Digitale Schiene Deutschland: Informationen zu FRMCS, 5G-RACOM und hybriden Funknetzen
  • Tagesschau, ZDFheute, Bayerischer Rundfunk und weitere Medienberichte zur Zugfunk-Störung und zum GSM-R-System
  • Deutsche Bahn: Informationen zum Mobilfunkausbau auf der Strecke Hamburg–Berlin

Belastbare direkte Zitate liegen für die konkrete Ausgestaltung der künftigen mobilen Rückfallebene nach aktuellem Stand nicht vor.

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